Look right?

Macht und Ohnmacht sozialer Medien

Der Beitrag hier wirkt vielleicht wie aus der Hüfte geschossen, eben genau, weil er das ist: Ich hab so einen Hals, ich kann grad gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte!

Ok, ein Schluck Beruhigungstee und ganz von vorn.

Mir wurde heute Mittag von Facebook ein vom aktuell wohl einzigen NPD-Mitglied im Kreistag des Kreises Böblingen geteiltes Video angeboten, als Beitrag, der mich möglicherweise interessieren könnte. Das dilettantisch runtergekurbelte Filmchen war ein Wahlwerbespot in mittelalterlichem Gewand, in dem sich ein „Politiker“, ein geschätzt Mittzwanziger, als Opfer etablierter Politik kurz vor dem Verbrennungstod auf dem Scheiterhaufen sah. Während ein schlecht verkleideter Richter die ihm zur Last gelegten Missetaten verlas, gab es immer mehr Protest aus den Reihen des umstehenden und scheinbar vorab gut organisierten Mobs, der sich mit allerlei Gemüse zum Bewerfen der Staatsgewalt bewaffnet hatte. Das Aufbegehren mündete in der Vertreibung von Richter und Henker und bot dem Protagonisten schließlich die Bühne, um sein rechtsextremes Gedankengut in die überschaubare Menge und den ansonsten teilnahmslosen Wald zu plärren.

Man muss nicht alle meine Texte bei Facebook oder in meinem Blog gelesen haben um zu wissen, wo ich politisch und in meinen sozialen Ansichten stehe und um nachvollziehen zu können, warum mich ein solcher „Beitrag“ auf die Palme bringt. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut unseres freien und demokratischen Landes, das ich auch dem genannten NPD-Fanatiker zugestehe. Der sich aber ebenso meine Meinung gefallen lassen muss, sofern sie ihn erreicht, und die steht der seinen nun mal diametral entgegen. Ich halte sie für falsch, unausgegoren, rechtsextrem und hetzerisch. Nebenbei bereitet mir Sorge, wie viele Verwirrte es braucht, um wenigstens einen solchen Hetzer in den Kreistag zu hieven. Und wie viele davon in meiner Straße wohnen.

Nicht erst, seit die AfD derart an Beachtung und Zustimmung in der Breite gewonnen hat, beobachte ich die Entwicklung in diesem Land mit Sorge und Wut gleichermaßen. Nicht bloß in den „sozialen“ Medien verfolge ich Beiträge und besonders die daran anschließenden Kommentar-Threads, um mir ein Bild der allgemeinen Stimmung machen zu können. Das praktiziere ich auf vielen Seiten und gerade auch solchen, die ganz und gar nicht meinen Ansichten entsprechen, schon allein, um nicht Opfer meiner eigenen Filterblase zu werden. Hin und wieder lasse ich mich dann auch zu einem Kommentar hinreißen, um die Diskussionswilligkeit und -fähigkeit meines (wenn auch weit entfernten) Gegenübers abzuklopfen. Manchmal mündet das in einem zwar hitzigen, aber substanziell einigermaßen gehaltvollen Austausch, zum großen Teil aber fruchten solche Auseinandersetzungen nicht und gleichen schnell den aus dem (vom Mainstream gesteuerten? uuuuhhhh, böse *Ironie off*) Fernsehen bekannten Brüllattacken des pöbelnden Mobs, der auf politischen Veranstaltungen großer Parteien nur noch auf möglichst lautstarken Krawall aus ist. Wieso ähnelt das dem Film?

Und warum mich das auch und erst recht ausrasten lässt

Wieso wird mir das als möglicherweise interessanter Beitrag von Facebook angeboten? Als Programmierer weiß ich, oder glaube zumindest zu wissen, dass in der Konzernzentrale des blau-weißen Riesen kein Nerd mit fettigen Pizza-Fingern durch meine Chronik scrollt und sich überlegt: „Hm, der Wetterau, der scheint politisch interessiert, ach, und da habe ich doch eben ein lustiges Video von einem Typen aus seiner Gegend gesehen, das zeig ich dem mal.“ Irgendwelche Algorithmen sind da am Werk, bilden Schnittmengen von Infos mit meinen Aktivitäten und schlagen bei vermeintlich ausreichender Kongruenz erbarmungslos zu: Bam, hier hast du deine Werbung! Facebook ist dabei noch so freundlich und wagt einen Erklärungsversuch für derart kopflos verstreuten Müll, Lösungsvorschlag inklusive.

Wie sieht das bei mir aus? Reicht es da schon, im selben Ort zu wohnen wie der oben genannte, braunes Gedankengut ausscheidende „Volksvertreter“? Und dass heute Bundestagswahl ist? Oder sind da noch andere if-then-else-Konstrukte am Werk? Und was kommt auf mich zu, wenn ich demnächst nach Bauplänen für Wasserstoffbomben recherchiere oder psychologische Fachartikel über Massenmörder lese?

Schlimmer noch: Ich selbst kann gut unterscheiden, was da auf mich niedergeht und entsprechend darauf reagieren. Ich habe das Video soeben bei Facebook als unangemessen gemeldet und warte zunächst auf Rückmeldung ohne große Hoffnung auf mir gefälligen Bescheid, schließlich sind nackte Frauenbrüste ein größeres Problem im Internet – siehe Aktion „Nippel statt Hetze“.

Aber was ist mit jenen, die es sich bereits auf ihrer digitalen braunen Couch (wahlweise blauer Filz mit roten Pfeil-Applikationen) kuschelig gemacht haben und durch ihre Internetaktivitäten nur noch derlei tendenziösen Müll von Populisten und Verschwörungsfanatikern serviert bekommen? Macht das bisher freie Internet, das als Mittel der Aufklärung verdammt gute Voraussetzungen für eine umfassende Information bietet, mit den Machenschaften von Facebook und einigen anderen Konsorten, die zunehmend auf Profit und allumfassende Präsenz ausgerichtet sind, nicht den größten Rückschritt seit seinem Entstehen?

Ich habe da keine Lösung parat. Programmieren lässt sie sich nicht. Anfangen muss es in den Köpfen derer, die die Möglichkeiten zu Information und Bildung per Netzwerkdose direkt im Haus haben und diese einfach nicht ausreichend nutzen. Insofern denke ich, dass die Lösung in Form von etwa anderthalb Kilo Hirnmasse bei jedem existiert.

Und vielleicht wird ein Teil davon ja von einem Programmierer bei Facebook genutzt, um arglose Menschen wie mich zukünftig nicht mehr mit solchen fehlgeleiteten „Werbeanzeigen“ zu einem Beitrag wie diesem hier zu bewegen. Schreiben werde ich trotzdem.

Ein Kommentar

  • Für Deine Denkanstöße bin ich immer sehr dankbar, Stefan, werde jetzt mal aber erst über die Wahlen in das Thema einsteigen.
    Richtig verstehen kann ich das Wahlergebnis der blauen Rotpfeile in dieser Höhe auch nicht und meine Erklärungsversuche kreisen noch in mehreren Richtungen um verschiedene Punkte.
    Zum einen bin ich überzeugt, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, der aus Überzeugung, Erziehung und Prägung immer – nennen wir es – rechtsnational eingestellt ist. Dieser Teil findet sich mal bei Republikanern, bei der CDU, der FDP oder auch mal bei der NPD und diesmal eben bei der AFD am besten verstanden, aufgehoben und repräsentiert.
    Zum anderen gibt es auch immer solche Hohlbirnen, die den Brüllern und Pöblern gerne Zuhören und die das eigenständige Denken jetzt nicht als ihre Hauptaufgabe verstehen. Also so ähnlich, wie die Katze, die dem Punkt vom Laserpointer hinterherjagt – egal wohin, einfach mal hinterher.
    Beängstigend finde ich, wieviele angebliche Protestwähler zur AFD abgewandert sein sollen, die offenbar zwar ein demokratisches Grundverständnis zeigen, aber dennoch keinen komplexen Sachverhalten bezüglich der Wirkung ihrer Stimmabgabe zu haben scheinen.

    Und zu den von Dir genannten „Brüllattacken des pöbelnden Mobs, der auf politischen Veranstaltungen großer Parteien nur noch auf möglichst lautstarken Krawall aus ist. “ habe ich überlegt, ob wir hier doppelt verarscht wurden von den Medien. Möglicherweise sind diese Brüller ja auch Laiendarsteller im Auftrag unserer Medien, die so tun, als wären Sie AFD-Anhänger, nur um das dann zu leugnen und somit in der Berichterstattung, die AFD noch mehr ins Abseits schieben zu können. Denn auch diese Partei muss sich – und ich verwende hier bewusst den bösen Vergleich – wie damals die NSDAP über das aktuell gültige System legitimieren und somit von der Grundstruktur zumindest anfangs rechtstaatlich und demokratisch sein. Und je öfter man AFD und Nazi in einem Wort erwähnt, desto mehr Gehirne verbinden diese Begriffe. Wir müssen in der Debatte vorsichtig sein, dass wir nicht einen höheren Zulauf generieren, als die Partei verdient hat.

    Dieses NPD-Video hab ich mir auch mal angeschaut und für dumm und provokant empfunden. Grenzwertig im Umgang mit anderen Menschen und anderen Meinungen sowieso. Aber mir war klar, dass ich mir nicht ungestraft AFD-Videos anschauen kann um mich zu informieren. Aber man kann ja auch nicht erwarten, in einem Autohaus Gebrauchtwagen anzuschauen, ohne vielleicht gefragt zu werden, ob man einen kaufen möchte.

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