Dachterrasse in Benicarlo mit Blick auf die Sonnenfinsternis am 12.08.2026

Von Chancen und Finsternissen

Das Jahr 2026 stellt für mich einen Wendepunkt dar. Ich möchte das völlig ohne Pathos erklären. Schnell spricht man ja in der Mitte des Lebens davon, dass ab nun alles anders wird und ergeht sich in Floskeln, die sich anfühlen wie ausgelatschte Schuhe. Geschrieben habe ich dazu schon in Halbzeit: Ich wünsche mir alles Gute. Aber nun das. Und es ist anders.

Die Einschläge kommen näher

Ab einem bestimmten Alter sind es nicht mehr allein unsere Lieblingsschauspielerinnen oder unsere bejubelten Musiker, die das Ende des Weges gehen. Auf einmal sind es Tanten, Lehrer, ehemalige Chefs, und urplötzlich oder mit Ansage Mama und Papa. Unausweichlich, quälend, brutal. Im Juni mussten meine Frau und ich uns beide von unseren Vätern verabschieden. Einige Wochen lang, und es dauert an, steht man apathisch da und lässt die Erkenntnis in sich einsinken, dass man nun in der ersten Reihe steht.

Als Kind und Jugendlicher scheint die Zukunft ins Unendliche zu reichen, Eltern und Großeltern sind unsterblich, das Erwachsensein zumindest so weit weg, dass es ernsthafte Grübeleien noch nicht lohnt. Sommerferien, die sich wie ganze Jahre anfühlen, Adventszeiten zwischen Lebkuchen und Kerzenduft brennen sich wohlig ins Gedächtnis, zunächst bis zum nächsten Jahr, dann als wohlig-wehmütige Erinnerung an unbeschwerte Tage.

Metermaß und Bucketlist

Irgendwann steht man dann zum ersten Mal auf dem Friedhof, und es ist nicht mehr nur der Name irgendeines Menschen aus dem Dorf, der auf dem Grabstein steht. Jeder Buchstabe auf dem kalten Stein tut weh und zeichnet Strich für Strich das Antlitz eines geliebten Menschen vor deinem inneren Auge.

Wir alle haben zwei Leben. Das zweite beginnt dann, wenn wir feststellen, dass wir nur eins haben.

Urheber ungewiss

Gemeinsam mit dem Metermaß, dessen oberes Ende kürzer ist als das untere, ist sie da, die vielbesungene Bucketlist, voller kleiner und großer Taten, die noch getan werden wollen. Vorher war da nur ein leerer Zettel, allenfalls eine hingeschmierte Notiz. Fallschirmspringen, Wandern in den Anden, Klavierspielen lernen, einmal zu den Rolling Stones, bevor sie …

Mit vielen Dingen, die ich nicht erlebt oder getan habe, bin ich fein. Ich muss nicht die ganze Welt bereist haben, das mit dem Klavierspielen habe ich probiert, die Tasten und ich, wir werden wohl keine Freunde mehr. Nur ganz wenige Dinge stehen allerdings mit fettem schwarzem Stift auf meiner Liste. Zu solchen verpassten Gelegenheiten habe ich ebenfalls schon geschrieben. Dort war es rückblickend der Tod meines Opas, der mich auf Mallorca mental einholte und zum Nachdenken veranlasste. Außerdem geht es darin um die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999. Etwas lapidar habe ich den Artikel mit der Ankündigung beendet, am 12. August 2026 in Spanien zu sein. Aus Gründen.

Sonnenfinsternis über Spanien am 12. August 2026

Der Kreis schließt sich

Dabei war es lange nicht sicher, ob wir die Sonnenfinsternis am Ende wirklich sehen würden.

Einen Grundstein legten wir schon im Januar 2024, als wir ein Ferienhaus buchten, das genau in der Totalitätszone liegt. Der Vermieter rief uns damals direkt an und fragte, ob wir uns bei der Onlinebuchung im Jahr vertan hätten. Gefühlt achtmal haben wir ihm versichert, dass 2026 stimmt und er AUF KEINEN FALL in diesem Zeitraum anderweitig vermieten soll.

Die Idee, mit dem Auto durch Frankreich mit einigen Zwischenstopps nach Katalonien zu cruisen, verwarfen wir aufgrund der aufwändigen Planung. Familiär gab es in den letzten Jahren weitere Herausforderungen, die uns zu der Entscheidung brachten, am Ende auf das Flugzeug und den Mietwagen zu setzen.

Vor Ort entfaltete sich bis zum Abend des 12. August dann doch noch ein veritables Drama, das mich an höhere Mächte, das Schicksal oder einen würfelnden Gott denken ließ:

  • Von der Dachterrasse unseres Ferienhauses aus gesehen, ging die Sonne am 9. August schon um 20:25 Uhr hinter den doch nicht so flachen Bergen der Sierra d’Irta unter. Totalität am Tag der Finsternis: 20:32 Uhr.
  • Am 10. August umrundeten wir das Naturschutzgebiet, parkten das Auto am Fuß der Berge und kraxelten bei 35 Grad und 75 Prozent Luftfeuchtigkeit hinauf zur Ruine Castell de Santa Magdalena de Polpis, die auf einem nach Westen gerichteten Felssporn steht. Der Blick von dort war wunderschön und vor allem: ziemlich sicher frei für die Sonnenfinsternis. Bei gleichbleibenden klimatischen Bedingungen schlurften wir wieder hinab zum Auto. Fun Fact: Dort stellten wir fest, dass wir auch mit dem Auto hätten hinauffahren können.
  • Am nächsten Morgen eröffnete uns unsere Vermieterin, dass die Behörden die Nationalparks wegen des zu erwartenden Ansturms am Tag der Finsternis wahrscheinlich schließen würden. Wegen der Waldbrände sei es zu gefährlich, weil im Falle eines Falles die Menschen nicht aus den Gebieten evakuiert werden könnten. Wieder nix.
  • Unsere Vermieterin empfahl uns den nahegelegenen Hügel Cerro del Sol (noch ein Fun Fact: übersetzt heißt das etwa „Sonnenberg“, siehe Impressum), der einen guten Blick nach Westen eröffnete. Abends prüften wir das direkt nach, und es sah vielversprechend aus. Finale Erkenntnis des Abends: Die Sonne kann verdammt schnell untergehen, an diesem Tag an dieser Stelle um exakt 20:31 Uhr.
Sonnenuntergang über der Sierra dIrta
  • Noch am Abend rief uns unsere Vermieterin an, und nachdem wir ihr das Dilemma geschildert hatten, lud sie uns für den Tag der Finsternis zu sich auf die Dachterrasse nach Benicarlo ein, zwei Orte weiter, mit unverstelltem Blick nach Westen.
  • Am 12. August war es dann fast noch eine sehr große und zähe Gewitterwolke, die sich hartnäckig am Westhimmel festklammerte und damit das Erlebnis fast zunichte machte.
  • Zur Finsternis zeigte sich dann aber die Sonne zwischen der Wolkenkante und dem Horizont, und wir konnten das astronomische Spektakel live verfolgen.

Jemand meint es gut mit dir

Wenn dir etwas wichtig ist, schieb es nicht zu lange auf. Irgendein wirres Gremium hat vielleicht was Blödes mit dir vor, wahlweise Krankheit, ein vermeintlich wichtiger Geschäftstermin, ein Freund, der dich braucht. Dem Schicksal und seinen oben genannten Kollegen ist es egal, ob du bis dahin schon alles erledigt hast. Dein Job ist nicht so wichtig, dass du auf wichtige Ereignisse wie Sonnenfinsternisse, Rockkonzerte oder den Vogelzug der Kraniche an der Ostseeküste verzichten müsstest. Halte dir stets vor Augen, dass es wirklich niemanden interessiert, was du in 2026 beruflich geleistet hast, nachdem du in Rente gegangen bist. Okay, es sei denn, du hast gerade was Sensationelles erfunden. Aber bleiben wir realistisch.

Stress ist immer wieder Thema und kommt schreiend ins Zimmer gelaufen, wenn man ihn nicht gebrauchen kann. Aufgeregte Kunden, der Programmcode, der einfach nicht das tut, was er soll, aber unbedingt in einer Stunde fertig sein soll, der Terminkalender, der sich zuverlässig füllt wie das Waschbecken unter einem tropfenden Wasserhahn. Stress blockiert und versperrt die Sicht auf das Wesentliche und ist so unnütz. Es ist die innere Einstellung, die es uns ermöglicht, den Stress abperlen zu lassen. Resilienz kann man lernen. Und sie tut so gut.

Sonnenfinsternis am 12.08.2026, Totalität

Bedenke das Ende

In meinem aktuellen Buch IM LEBEN NICHT findet sich ein Zitat, das wohl auf einen griechischen Philosophen zurückgeht, und das ich an der Wand des Schlosses Bothmer an der Ostseeküste gelesen habe:

Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

„Was immer du tust, mögest du klug tun, und bedenke das Ende.“

Geschafft hat es noch keiner. Eine bemerkenswerte Eigenschaft einer Sense ist, sofern sie fachkundig benutzt wird, dass sie alle Halme erwischt und dem Boden gleichmacht. Der Grimme Schnitter ist ein Meister seines Fachs und hat bisher jede und jeden erwischt.

Denk daran, wenn du dich das nächste Mal über einen Falschparker aufregst, die falsche Taste auf dem Klavier triffst, dein Lieblingsmüsli im Supermarkt vergriffen ist: Bedenke das Ende.

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