Schmetterling

Wir ernten, was wir säen: Alles hat Konsequenzen

Was hat ein Schmetterling mit dem Tatort und meinem Auto zu tun?

Das Netz ist so schnell geworden, ich komme manchmal nicht hinterher: Bis ich meine Gedanken sortiert und in lesbare Form gegossen habe, wurden zu aktuellen Ereignissen schon Hunderte Artikel veröffentlicht, lesenswerte ebenso wie löschenswerte.

Es wird soviel geschrieben über Corona, Klimaschutz, Migration, Reaktionen auf diese Texte, Reaktionen auf diese Reaktionen, dass man schnell den Überblick über das Relevante verliert und sich unversehens auf einem ganz anderen verbalen Schlachtfeld wiederfindet. Dort geht es nicht mehr um den Anlass als vielmehr um die Wichtigkeit und Richtigkeit der eigenen Meinung. Ein müder Krieger bin ich dort wie viele andere und mag manchmal keine Posts und vor allem keine Kommentare mehr zu vielem lesen.

Talent zur Empathie

Tree hug: seid auch nett zu BäumenWas mich wieder aufstehen lässt, sind die unsäglichen Diskussionen um die #einkerzen– und #allesdichtmachen-Aktionen in den vergangenen Tagen. Eine Zeitlang finde ich mich damit ab, dass Empathie und die Fähigkeit zu Solidarität bei den Menschen unterschiedliche Ausprägungen haben. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich das verinnerlicht habe: Mitgefühl, rationales Denken und Vernunft sind nicht jedem gleichermaßen gegeben. Ich möchte es mit Talent vergleichen: Zu einem gewissen Grad wird uns dieses in die Wiege gelegt, Schlagzeugspielen, Tanzen, Singen, Sprechen… Durch Übung lassen sich diese Fähigkeiten in einem gewissen Maß steigern, und wie gut wir am Ende werden, hängt von unseren Anlagen ebenso ab wie von Intensität und Dauer unseres Trainings, unserem Durchhaltevermögen und unseren Vorbildern. Aber wir wissen es alle, in ganz vielen Disziplinen gelangen wir zwar zu respektablen Leistungen, jedoch nie auf Profiniveau oder gar darüber hinaus. So bin ich heute noch ein mittelmäßiger Drummer und ein absoluter Tanzmuffel. Und man sagt mir eine Tendenz zum leisen Nuscheln nach, während ich mich dem geschriebenen Wort sehr zugetan fühle.

Für Empathie und Solidarität braucht es aus meiner Sicht ebenfalls Talent, Übung und Vorbilder. Viele Menschen werden dadurch trotz widriger Ausgangslage und Begleitumstände zu starken Stützen einer Gesellschaft. Soziales Verhalten und Mitgefühl sind für die positive Entwicklung in Gruppen ebenso bedeutsam, wenn nicht sogar wichtiger als übermäßige Intelligenz. Was bringt es, wenn solider Zusamenhalt von durchschnittlich gebildeten und an sich gut organisierten Menschen durch die egozentrischen Handlungen eines hochintelligenten, aber gefühlskalten Alpha-Tieres zunichte gemacht werden?

Warum ich trotzdem eine Kerze anzünde

Anfang des Jahres erkrankte mein Schwiegervater an Covid-19, schwerer Verlauf mit Lungenentzündung und -embolie. Mehr als einmal war es knapp. Er ist glücklicherweise wieder genesen, hat aber sowohl körperlich als auch seelisch noch immer mit diesem Erlebnis zu kämpfen. Was er aus den schlaflosen Nächten auf der Intensivstation zu berichten hat, jagt mir noch heute einen Schauer über den Rücken.

Stand heute, 02. Mai 2021, sind in Deutschland 83.192 Menschen nachgewiesen an oder mit dem Virus gestorben, das ist bei 83.190.556 Einwohnern (Destatis, Stand 30.09.2020) fast exakt jeder Eintausendste. Für viele Menschen sind das immer noch nur Zahlen, und selbst Fernsehberichte und Erzählungen von Bekannten vermögen manchem nicht zu vermitteln, dass jede dieser Zahlen eine Geschichte beinhaltet, von Leid, Hoffnung, Panik, bitteren Erkenntnissen, Tod, von Kranken und Verstorbenen, ihren Angehörigen, den Pflegern, Ärzten, Sanitätern, die täglich aufs Neue mit diesen Erlebnissen konfrontiert werden.

Bilder von Massengräbern in Brasilien und „Krematorien“ in Indien, Scheiterhaufen im Freien und inzwischen auf Parkplätzen und in Parks, auf denen zu Hunderten die Verstorbenen verbrannt werden, genügen nicht, um die eigenen Befindlichkeiten herunterzufahren, einen Kloß im Hals zu bekommen oder gar eine Träne zu vergießen. Es fehlt hier die Fähigkeit zum Mitgefühl, und ich mag es nicht allen zum Vorwurf machen. Ich bekomme nur dann die Wut, wenn zur Verteidigung des eigenen Mangels an Empathie allerlei Quellen ausgegraben werden, um die gezeigten Bilder als Fälschungen hinzustellen oder gar den Betroffenen vorzuwerfen, sie seien an ihrer Situation selbst und allein schuld. Das wäre zu einfach. Die Menschen dort leben in prekären Verhältnissen, schon ohne die Pandemie, und sind sowohl ihren lokalen Lebensumständen, fragwürdigem Bildungsniveau als auch ihren politischen Führungen hilflos ausgeliefert.

Meine Kritik an den Kritiker-Kritikern

Auch ich habe kein Verständnis für den Wahnsinn, den Bolsonaro verkörpert, oder dass Indien Massenevents nicht konsequent frühzeitig verboten hat, was zumindest zu einer Eindämmung der derzeitigen Katastrophe hätte führen können. Unsere Regierung hat organisatorisch und kommunikativ eine Menge falsch gemacht, und auch wenn man ihr zugute halten mag, dass es für die Pandemie keinen zeitgenössisch auswertbaren Präzedenzfall gibt, wäre der eine oder andere Blick über den Tellerrand hilfreich gewesen, hinüber zu Staaten, die beachtliche Erfolge bei der Bekämpfung vorzuweisen haben. Die erzkonservative Trägheit unserer Regierenden, die bräsige Überheblichkeit einiger politischer Protagonisten macht auch mich wahnsinnig. Wie kann man über Monate die Warnungen und Hinweise von Wissenschaftlern zerreden und ein Millionenvolk dermaßen lange moralisch zermürben bis hin zur Spaltung durch alle Schichten?

Ich bringe aber keinerlei Verständnis auf für irgendwelche pseudo-kritischen und medial gepushten Aktionen hiesiger Promis. Lasst die Menschen Kerzen aufstellen, wenn es für sie eine Bedeutung hat, im wahren Gedenken an die Corona-Toten. Die Intention war zutiefst menschlich, das kaufe ich Herrn Steinmeier und den Initiatoren ab. Dies zum Anlass für Kritik am Regierungskurs zu nehmen, in dem Fall kübelweise Kerzen vor die Landtage zu kippen, ist nicht nur unangemessen und fehl am Platz, es ist infam und respektlos gegenüber den Betroffenen.

Mit der größtenteils unüberlegten YouTube-Aktion #allesdichtmachen wurde dann eine weitere Grenze überschritten, die mich kopfschüttelnd zurücklässt. Ein wenig Genugtuung verschaffte mir, dass einige der Schauspieler stante pede reuig zurückruderten, als der Shitstorm auf sie niederging. Fehltritte leisten wir uns alle mal, und es mag sein, dass etlichen der Teilnehmenden im Vorfeld nicht klar war, vor wessen Karren sie sich da spannen ließen oder gar welches Ausmaß die Aktion haben würde.

Wütend macht mich die trotzig-naive Reaktion nicht nur des gerade meist-polarisierenden Tatort-Schauspielers, der bei allerlei publikumswirksamen Talkshow-Auftritten einen tieferen Sinn in diesen Fauxpas fabuliert. Da wird eine nicht geführte oder mindestens mangelhafte Debatte im Umgang mit dem Virus seitens Politik und Medien thematisiert, obwohl jener Schauspieler nach eigenem Bekunden über den Jahreswechsel mehrere Wochen lang die Lektüre zuverlässiger Informationen wegen persönlicher Überforderung eingestellt hat. Das sei ihm zugestanden, er ist nicht der einzige, der wegen der ubiquitären Berichterstattung den Kanal voll hat. Weshalb macht man dann aber als renommierter Künstler bei so etwas mit, statt die eigene Reichweite für ein klar formuliertes Statement für den eigenen Berufsstand zu nutzen, dem es seit über einem Jahr so richtig beschissen geht?

Grantig macht mich jedoch auch und vor allem der Initiator, Regisseur Dietrich Brüggemann, der per Twitter schreibt: „allesdichtmachen ist viel weniger Kritik an den Maßnahmen und der Regierung, als an genau denen, die jetzt laut und entrüstet bellen. Ein voller Erfolg also.“

So ist das also, die Aktion wird nicht nur zur „Kunst“ erhoben, sondern gleich noch eine Metaebene weiter nach oben gehievt. Es geht darum, die zu kritisieren, welche die Kritiker der Regierung kritisieren. Ich muss jetzt hier das erste und einzige Mal den arg strapazierten Begriff „Geschwurbel“ benutzen, denn als solches muss dieses schlecht getarnte „Sorry, war nicht so gemeint!“ verstanden werden. Die an vorderster Front agierenden Schauspieler waren sich der Motive des Regisseurs zum großen Teil wohl nicht bewusst, und bei den Betrachtern kam dieses kommunikative Desaster genau als solches an. Wen wundert das, wenn selbst der Kopf des Ganzen im Nachhinein den Eindruck vermittelt, das alles nicht wirklich gut geplant zu haben.

Zurück in meiner Filterblase

Alles hat Konsequenzen, ob sie einem gefallen oder nicht, ob wir sie bemerken oder nicht. Schönes Beispiel, der Schmetterlingseffekt. Im ganz Alltäglichen ziehe ich Konsequenzen aus Ereignissen, die mir widerfahren und Begegnungen mit Menschen. Für mein Wohlbefinden ist die Vermeidung von negativ aufgeladener Aufregung immens wichtig, und als hochsensibler Mensch (anderes Thema, ggf. an anderer Stelle) bin ich sehr anfällig dafür. Wenn es Chancen auf konstruktive Diskurse gibt, scheue ich mich nicht vor der Konfrontation. Sehe ich hingegen die Ausweglosigkeit einer Auseinandersetzung mit einer Situation oder meinem Gegenüber, trete ich lieber ein oder zwei Schritte zurück und suche, wenn möglich, nach Alternativen.

Daher habe ich in den vergangenen Monaten einige meiner Kontakte aus meinem Facebook-Feed entfernt. Ich mag aus oben beschriebenen Gründen irgendwelches Gefasel über Weltverschwörungen, Schädlichkeit von Masken, Cancel Culture und Zensur nicht mehr lesen. Willkommen in meiner Filterblase!

Warum ich keinen Tatort ansehe

Viel konkreter betreibe ich dies seit Jahren in anderen Bereichen:

FahrradBringt alles nichts? Mag sein. Weil es noch nicht viele so machen wie ich. Vielleicht aber doch. Jedenfalls lässt es mich besser schlafen, an derlei Unfug nicht beteiligt zu sein. Ach ja, und Radfahren hält mich fit.

Zwei Schritte zurück gehe ich nun auch wegen der #allesdichtmachen-Aktion: Seit Jahren schon schaue ich Filme mit Tom Cruise nicht mehr an, weil ich nicht ausblenden kann, dass er Scientologe ist. Jaja, man muss doch das Werk vom Künstler trennen können. Muss man das?

Selbst wenn man es müsste, ich kann es nicht. Bisher dachte ich, Herr Liefers spielt die Rolle des überheblichen und mehrfach promovierten Pathologen mehr als brilliant, verkörpert er doch dessen Borniertheit unter anderem mit bestechender Eloquenz. Inzwischen gebührt mein Respekt dem Fingerspitzengefühl des Tatort-Castings und der Drehbuchautoren, die ihm die Rolle meines Erachtens auf den Leib geschrieben haben.

Nein, ich kann Künstler und Werk hier nicht trennen, deshalb schaue ich heute keinen Tatort.
Und zünde lieber eine Kerze an.

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