Müllhalde in Bukarest

Herz oder Hirn: Quo vadis, Mensch?

Resignieren oder aufbegehren – was tun in Zeiten von Rechtsruck, Trumpismus, Migration und im Angesicht der drohenden Klimakatastrophe?

Standpunkte: Mein Dilemma in Diskussionen

Menschen mit klaren Standpunkten beneide ich hin und wieder: Nicht immer für die Standpunkte, die sie vertreten, sondern für die Unbekümmertheit, mit der sie das tun. Kommt es zu den Wertungen richtig/falsch, vertreten selbstverständlich sie die richtige Seite und begreifen das andersmeinende Gegenüber als im Irrtum befindlich. Punkt.

Diplomatisch sein, schweigen, Thema wechseln – oder Konfrontation, wenn der gute Freund unerwartet seine Ablehnung gegen Flüchtlinge, Ausländer oder andere Minderheiten äußert? Oder die Bemühungen und Warnungen von Klimaschützern verunglimpft?

Seit Monaten ist es unumgänglich, dass man bei allen gesellschaftlichen Gelegenheiten mit dem Thema Migration konfrontiert und in hitzige Diskussionen verstrickt wird. Dabei überraschen mich sehr oft Verwandte, Freunde und Bekannte mit eindeutig ablehnender Haltung: Es ist die Rede davon, dass Deutschland „noch ein ernstes Problem bekommen wird, wenn es mit der Zuwanderung so weitergeht“. Davon, dass es in der Wohngegend ein Grundstück gibt, auf dem „47 Dreiräder“ stehen, welche die dort lebenden Ausländer „alle zusammengeklaut haben“. Und davon, dass es ja nicht angehen könne, dass „wir [Deutschen] alle Flüchtlinge aufnehmen müssen“.

Ich muss gestehen, dass es mich meist verunsichert und ratlos macht, wenn ich in solche Gesprächsrunden gerate, umso schlimmer, wenn mein Gesprächspartner seine unumstößliche Meinung äußerst rigoros vertritt, oder sogar mehrere dieselbe äußern.

StacheldrahtWarum? Mein Problem beim Anhören solcher Argumente ist, dass sie bisweilen auf solch tönernen Füßen konstruiert sind, dass es mir bisher einfach die Luft nicht wert war, sie anzufechten. Welche Probleme sind das denn, die Deutschland bekommt? Müsste hier nicht schon differenziert werden? Einerseits mag es schon sein, dass selbst ein wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland nicht „jeden“ aufnehmen kann.

(Randnotiz: Was es ohnehin nicht tut, siehe Abschiebungen und die tatsächliche Anzahl derer, die von sich aus in ihre Heimat zurückkehren, weil sie hier nur vorübergehend Schutz gesucht haben. Abgesehen von denen, die hier tatsächlich nicht klar kommen, wie mir eine Verwandte bestätigt, die seit Jahren bei der Ausländerbehörde arbeitet. Und dann sind die Flüchtlingszahlen in den vergangenen beiden Jahren bereits wieder gesunken, wenn das auch zu einem großen Teil auf die Blockadehaltung der europäischen Länder zurückzuführen sei, kritisiert bspw. PRO ASYL.)

Andererseits hört man seit Jahren mehr und mehr, dass Deutschland zukünftig wegen des Fachkräftemangels auf die Zuwanderung angewiesen sein wird, wenn es ökonomisch bestehen will. Blöderweise habe ich solche Argumente just in dem Moment nicht zur Hand, wenn ich sie brauche. Die 47 Dreiräder schreib ich mal ins Märchenbuch.

Gerade bei einem Gespräch in den letzten Tagen driftete das vorher belanglose Palaver ab in das verbal verminte Gebiet der Flüchtlingsproblematik. Dabei fasste mein Gegenüber die so unterschiedlich nuancierten Einstellungen der Menschen zum Thema mit der Definition zweier gegensätzlicher Extreme zusammen: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die mit viel Hirn und wenig Herz, also sachlich, pragmatisch und dem äußeren Eindruck nach mit wenig Empathie mit der Sache umgehen. In der Migrationsdebatte erlangen sie bei ihren Kontrahenten rasch eine braune Aura. Auf der anderen Seite stehen die vermeintlichen „Gutmenschen“ und „Bahnhofsklatscher“, die scheinbar alle Vernunft haben fahren lassen und ungeachtet wirtschaftlicher, logistischer und sozialer Probleme Arme, Türen und Herz weit öffnen.

Meinen Stuhl sehe ich irgendwo zwischen der Mitte und den Letztgenannten. Das bedeutet, dass ich jedwedes nationalistisch-völkisch gefärbte Abschottungsgeschwafel ablehne und absolut dafür bin, Leuten, die sich ertrinkend an Gummiboote krallen, erst einmal aus der Misere zu helfen. An dem Punkt kommen die auf der anderen Seite mit Argumenten wie: „Man sollte die sofort zurückschicken!“, „Die Helfer sind Verbrecher!“ oder schlimmer: „Lasst sie doch ersaufen!“. Hier lehnen sich diese Menschen dann selbstzufrieden zurück oder wenden sich ab und sind fertig mit der Argumentationskette.

Die Grübelei hört bei mir da nicht auf. Na klar, auch ich habe keinen Lösungsansatz für dieses globale Problem, aber muss ich mir deshalb Naivität vorwerfen lassen, wenn ich fundamentale Menschenrechte für die Ertrinkenden einfordere? Rechte, die mir persönlich in Mitteleuropa durch einen überglücklichen Zufall als Selbstverständlichkeit in den Schoß gelegt wurden. Pauschal jeden zu verdammen, der sein Land verlässt, um in Europa oder anderswo Schutz und auch ein besseres Leben zu suchen, ist zu kurz gedacht. Und ja, auch ich bin dafür, Menschen, die unsere Gesetze nicht achten, des Landes zu verweisen. Dazu bedarf es aber der individuellen Prüfung.

Wo anfangen?

Über Jahrhunderte hinweg und massiv mit der Kolonialisierung der ganzen Welt haben vor allem Europäer sich den Rest der Welt untertan gemacht und sich einverleibt, was zu kriegen war, zur Not auch mit Gewalt und unter Billigung des Todes unzähliger Bewohner der ausgebeuteten Länder. Auf diesem Konstrukt fußt ein Großteil des Wohlstands der Ersten Welt. Heute Geborene tun das leicht als Eintrag in den Geschichtsbüchern ab und sprechen sich von der Verantwortung dafür ebenso frei wie für die Gräuel des Dritten Reichs – was kann ich für die Taten meiner Altvorderen? Ich kann es ihnen nicht einmal gänzlich verdenken.

Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sah’n sich an.
Und der Arme sagte bleich:
„Wär‘ ich nicht arm, wärst Du nicht reich.“
― Bertolt Brecht.

Dass aber unser jetziger Wohlstand als gegeben hingenommen wird, ist die eigentliche arrogante wie ignorante Fehleinschätzung. Es heißt ja nicht, dass all die Fortschritte, die unsere Vorfahren auf Kosten der Dritten Welt gemacht haben, auf Heller und Pfennig zurückgezahlt werden könnten. Aber wäre es nicht wenigstens ein Anfang, wenn wir Gutbetuchten uns darüber klar würden, dass es nicht mehr angemessen, geschweige denn zukunftsträchtig ist, so weiter zu machen wie unsere Vorgänger? Denn wir machen so weiter, indem wir noch die letzten Rohstoffe aus afrikanischen Böden kratzen und in chinesischen Fabriken zu Dumpinglöhnen und unter menschenunwürdigen Bedingungen zu Mobiltelefonen zusammenbauen lassen, die wir in unsere ebenso beschissen produzierten billigen Jeanshosen stecken, während sich die Firmenbosse die Taschen vollmachen und wir schon im nächsten Jahr das Spiel wiederholen. Dann fahren wir ab auf die bunte Werbewelle und lassen uns einreden, dass das nächste Handy die noch geileren Funktionen hat.

“We’re in a giant car heading towards a brick wall and everyone’s arguing over where they’re going to sit”
― David Suzuki

Wen wundert es, dass unter anderem gerade solche Geräte, egal ob neu oder gebraucht, im mittleren Osten oder Nordafrika von Menschen in den Händen gehalten werden, denen auf den Displays unsere schöne saubere und friedliche Welt präsentiert wird, und dass diese Menschen sich in ihrer Not auf den Weg machen, um ins vermeintliche Paradies zu gelangen. Ich könnte hier noch seitenweise in meiner hoffnungslos törichten Art und Weise weiter schwadronieren, wo ich die Gründe für diese neuzeitliche Völkerwanderung sehe, aber ich bin der Sache ein wenig müde und hege die stille Hoffnung, dass der Grundgedanke auch weniger Zugänglichen klar sein sollte.

Fluchtursachen bekämpfen – eine Farce?

Letzten Endes läuft es, wie eben angedeutet, darauf hinaus, die Ursachen dieses globalen Prozesses zu betrachten und dort nach Lösungsansätzen zu suchen. Klar, die Ursachen scheinen zunächst Armut, Hunger, soziale Ungerechtigkeit, Korruption zu sein, um nur einige zu nennen. Da liegt es nahe, finanzielle Unterstützung zu leisten, wie es etliche Hilfsorganisationen tagtäglich tun.

Eben jener Gesprächspartner, der die Herz-oder-Hirn-Definition formulierte, torpedierte dies als aussichtslos, da man ja nie sicher sein könne, wo das Geld denn hingelange. Allzu oft landete die Kohle eben nicht beim Hirsebauern in Afrika, sondern wird von der Regierung eingesackt oder verschwindet direkt auf dem Schweizer Nummernkonto des Despoten. Was soll man da noch sagen, außer dass eventuell doch ein Großteil an bedürftiger Stelle ankommt? Schließlich gibt es ja Berichte über neue Schulen, gebohrte Brunnen und ärztliche Unterstützung. Fakten und Belege finden sich für beide Seiten.

Aber es sind eben diese Zweifler, welche solche Maßnahmen ins Zwielicht rücken und damit allgemeingültig disqualifizieren, was wieder andere der Einfachheit halber für bare Münze nehmen und nachplappern. So gerät der Stein ins Rollen. Wenn die Zweifler und Halbinformierten die lautere Stimme haben, passiert genau das, was wir gerade erleben: Es macht sich ein allerorten spürbarer Unmut breit, der in der Gesamtwirkung auf die komplette Bevölkerung abzufärben scheint. Die Lauten dominieren das Geschehen, und die schweigende Mehrheit tut genau das: die Klappe halten, macht ja sowieso keinen Sinn.

Die Ursachen der Ursachen

Zurück zum Anfang. Es ist bequem, sich auf den Errungenschaften unserer Vorfahren auszuruhen und das Drumherum zu ignorieren, solange man nicht unmittelbar bedroht wird. Vor rund 30 Jahren war das noch einfacher, da Informationen aus der weiten Welt nur durch TV, Radio und Zeitungen zu einem gelangten. Im Internetzeitalter muss man die Augen aber schon verdammt fest zudrücken, um die Geschehnisse in Krisengebieten und deren Folgen zu ignorieren. Mit Unkenntnis darf sich bei uns wahrhaftig keiner mehr entschuldigen.

Neben dem Teilen des Wohlstands durch Unterstützung wohltätiger Organisationen sehe ich es längst an der Zeit, dass wir Gutbetuchten uns schnell darauf besinnen, was für das eigene Überleben und ein vernünftiges Maß an Wohlstand wirklich nötig ist. Dazu zähle ich nicht das alljährlich getauschte Smartphone, den neuen Kompakt-SUV als Zweitwagen, den Billig-Urlaub in kriselnden Gebieten.

Ihr seid im eigentlichen Sinne keine richtigen Säugetiere! Jedwede Art von Säuger auf diesem Planeten entwickelt instinktiv ein natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Ihr Menschen aber tut dies nicht. Ihr zieht in ein bestimmtes Gebiet, und vermehrt Euch und vermehrt Euch, bis alle natürlichen Ressourcen erschöpft sind. Und der einzige Weg zu überleben ist die Ausbreitung auf ein anderes Gebiet.
Es gibt noch einen Organismus auf diesem Planeten, der genauso verfährt. Wissen Sie, welcher? Das Virus! Der Mensch ist eine Krankheit! Das Geschwür dieses Planeten! Ihr seid wie die Pest…
― Agent Smith (Matrix)

In Hitzacker hat ein Abiturient begleitend zu seiner Projektarbeit ein Tiny House gebaut, das er nun auch bewohnt und nach seinem Abi, wenn er auf Weltreise geht, vermieten wird. Er beweist wie viele andere, dass Minimalismus auch im Extrem möglich ist und nicht den totalen Verzicht bedeuten muss. Wie weit man damit gehen will und kann, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Eine solche Lebensweise kann durchaus befreiend sein. So haben meine Frau und ich in den vergangenen Monaten auch in verschiedenen Zimmern unseres kleinen Häuschens Kehraus gemacht und uns von Dingen getrennt, die wir teilweise jahrelang und über zwei und mehr Umzüge hinweg mit uns herumgeschleppt, aber nie oder nur selten genutzt haben. Wir haben Dinge im Internet verkauft, Bücher in die Bibliothek gebracht. Klamotten gespendet. Auf diese Weise ist unser Haus innen gefühlt geräumiger geworden, und das dient uns täglich als Erinnerung, nicht wieder neuen Tand anzuhäufen.

Die Hoffnung ist, dass das dem einen oder anderen Vorbild sein kann, bewusster zu konsumieren und damit wieder anderen diese Denkweise weiterzugeben. Dass der Kreislauf des ungehemmten Konsums durchbrochen werden muss, hat diese Woche der 1. August deutlich gemacht, der so genannte Welterschöpfungstag: „Am heutigen Mittwoch sind alle Bäume, Wasser, fruchtbare Böden und Fische aufgebraucht, die die Erde im gesamten Jahr 2018 erneuern kann.“ Wem das nur ein Schulterzucken wert ist, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Der Versuch eines Fazits

Ich will versuchen, meine Gedanken an dieser Stelle einmal zusammenzufassen:

  • Wir leben über unsere Verhältnisse auf Kosten anderer, die sich nicht dagegen wehren können. Heruntergebrochen auf einen Einzelnen bedeutete dies, dem Nachbarn stets einen Großteil seines Essens wegzunehmen, bis dieser verhungert oder mit einer Waffe auf ihn losgeht.
  • Wir leben unter fahrlässiger Missachtung der Ressourcen und der Regenerationsfähigkeit dieses Planeten und nehmen in Kauf, unseren Nachfahren einen schlechteren Platz zum Leben zu hinterlassen, Mietnomaden ähnlich.
  • Wir diskutieren und bekämpfen vorrangig die Symptome und nicht die Ursachen.
  • Wir scheuen uns davor, Tatsachen anzuerkennen und unser gewohntes Handeln auf Basis von gesicherten Erkenntnissen zu überdenken und anzupassen.

Einen solchen Themenkomplex in so einem bedeutungslosen Blog abzuhandeln, ist mehr als ambitioniert. Ich versuche auch momentan, vor allem für mich nicht die Orientierung zu verlieren und meine Position im Großen und Ganzen exakter zu bestimmen, um zukünftig in Diskussionen Zeichen setzen zu können und nicht resigniert schweigen zu müssen. Möglicherweise führt das bei dem einen oder anderen doch noch zum Nach- und im Idealfall zum Umdenken.

Vielleicht hat der eine oder andere dazu ein konstruktives Wort?

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