Sinn, Unsinn und die UnBesinnlichkeit

3. Advent. Schon wieder. In zehn Tagen ist Weihnachten, und mein letzter Beitrag ist über zwei Monate her. Alle Jahre wieder hatte ich mir vorgenommen, besonders die paar Wochen vor Weihnachten ruhiger angehen zu lassen, Vergangenes Revue passieren zu lassen und Kraft für Neues zu tanken. Okay, dieses Jahr kam mir der Umzug in ein neues Büro dazwischen, da bleibt der zeitige Feierabend und das Ausschlafen am Wochenende auch mal auf der Strecke. Allerdings wären die Erholungsphasen gefühlt auch ohne diese außergewöhnlichen Ereignisse nicht ausreichend gewesen für eine Minderung der Augenringe.

Früher war alles … anders

Ob ich übertreibe? Weiß ich nicht, der Blick hier aus dem Hamsterrad heraus ist ein wenig eingeschränkt, und die bonbonbunte Vielfalt der vollgestopften Regale im Einkaufszentrum um die Ecke brennt noch als Nachbild in meiner Netzhaut. Im Baumarkt stand ich gestern vor geschätzt fünfzehn Metern Regal gefüllt mit Weihnachts-/Christbaumschmuck jeglicher Couleur und Fasson, gefertigt von Händen in Gefilden, denen der Hintergrund dieses Brauchtums nur vage bekannt ist. Früher stammte der Kram, meist handgefertigt und mundgeblasen, aus dem Erzgebirge und wurde von einer Generation an die nächste vererbt, ob schön oder nicht. Heute kommt die Glitzerkugel innerhalb von zwei Jahren außer Mode und wird in den Müll befördert. Nur ein Beispiel.

Heute ist alles … alles

Auch gestern. Bei der unvermeidlichen Geschenkehatz verschlug es uns in das derzeit von Katy Perry wirksam beworbene Bekleidungshaus mit den beiden großen Buchstaben. Vor uns an der Kasse eine Mittdreißiger-Mutti mit zwei halbwüchsigen Töchtern, alle drei die Armbeugen voll mit Klamotten in Kauf-drei-für-zwei-Packs. Während des Einscannens brachte die Kassiererin noch ein attraktives Spar-Angebot zur Sprache, irgendetwas mit „Wenn Sie davon vier kaufen, gibt es ein fünftes Teil gratis“. Schon war die Jüngere in den Untiefen des Ladens verschwunden und kehrte nur Minuten später mit einem für meine Begriffe willkürlich gewählten Kleidungsstück zurück. Am Ende der zwölfminütigen Orgie kosteten die geschätzt 22 Teile ganze 180 Euro. Keine Ahnung, wie das wirtschaftlich zufriedenstellend für alle Beteiligten der Produktionskette je funktionieren soll. Aber ich schweife ab.

Vorfreude: 5000 kcal Nougat

Ein langer Blick zurück. Ich komme vom Land. Dort waren die Sommerferien unendlich, und nach deren doch irgendwann auftretendem Schluss gab es nicht innerhalb von einer Woche die ersten Lebkuchen bei Schlägels im Edeka. Frühestens im November. Und meine Eltern bestellten in Nürnberg ein Gebäck- und Süßigkeitenpaket, dessen Eintreffen es durchaus mit der eigentlichen Bescherung aufnehmen konnte. Der Inhalt wurde an den Adventssonntagen eingeteilt und auf einen Teller im Wohnzimmer drapiert. Da die Zeit bis Anfang Dezember sich wirklich lang anfühlte, bastelten meine Geschwister und ich bundeswehrmäßig lange Streifen aus alter Tapete mit den verbleibenden Tagen bis Weihnachten zum Abschneiden. Die Zeit verging deshalb trotzdem nicht wie im Flug, und besonders die Tage im Dezember waren die besinnlichsten des ganzen Jahres, angefangen beim Öffnen des ersten Türchens der Adventskalender, die zu viert für fast einen Monat die ollen Bilder in der Küche ersetzten, über die alljährliche Spannung in der Nikolausnacht und die Freude über den gefüllten roten Plastikstiefel am nächsten Morgen, die erste frische Wurst aus der Hausschlachtung (ich stamme aus Nordhessen, Stracke rules), die oben genannten Adventssonntage mit den besonderen Fernsehserien, das Lebkuchenhaus …

Übrigens war es damals Wumpe, ob die Geschenke vom Weihnachtsmann oder dem Christkind gebracht wurden. Aber ich schweife ab …

Nur noch kurz die Message

Nun trauere ich diesen Zeiten nicht nach, aber ich stelle natürlich Vergleiche an: Was ist von diesen Dingen geblieben, hier in der Nähe von Stuttgart und heute in Zeiten von Internet und allgegenwärtiger Kurzlebigkeit? Gibt es da noch die kleinen Ruhebänke abseits von dauernder Erreichbarkeit und vollgestopften Terminkalendern? Ja, die gibt es, auch wenn es schwieriger wird, sie zu finden. Letztlich sind wir dafür aber selbst verantwortlich. Wir selbst machen Termine, schalten das Smartphone nicht mehr aus, lassen uns von Apps mit zwei blauen Häkchen dazu nötigen, es nicht mehr zu weit wegzulegen.

Als ich mein Buch „Ohne Grenzen“ schrieb, das Anfang der 1990er Jahre in meiner Heimat angesiedelt ist, musste ich mich zunächst wieder mit den technischen Gegebenheiten dieser Ära auseinandersetzen: Autos mit Choke, ausgeschaltete Straßenlaternen in der Nacht – und keine Handys. Zwanzig Jahre später ist all das Normalität. Meine Nichten, nun so alt wie ich damals, gehen mit einer Selbstverständlichkeit mit der Technik um, die selbst mich als Informatiker manchmal verblüfft zurücklässt. Allerdings scheint mir die Intention der Hilfsmittel, die uns Erleichterung in vielen Lebensbereichen bringen soll, doch allzu oft verfehlt. Nicht selten klagen Jugendliche über die Belastung von Terminen, Hausaufgaben, sozialen Konflikten in der Schule. Ich ging freitags zum Sport, an den übrigen Tagen und am Wochenende gehörte meine Zeit nach Erledigung der Hausaufgaben mir. Und die unendlichen Sommerferien.

Wir üben noch

Wie gesagt: Ich verdamme die Errungenschaften der Technik nicht, auch nicht all den anderen Fortschritt. In einem anderen Zusammenhang heißt es an vielen Stellen derzeit: „Wir üben noch!“, gewissermaßen als Rechtfertigung für die Unvollkommenheit eines Ergebnisses. Beim Umgang mit der Beschleunigung kann diese Rechtfertigung gelten, nicht jedoch als endgültige Entschuldigung. Für die Erfahrungen, die wir und unsere Kinder derzeit machen und besonders der rasenden Geschwindigkeit, in der wir diese verarbeiten müssen, gibt es keine Präzedenzfälle. Es ist an uns, daraus zu lernen: Termine auch einmal abzulehnen oder abzusagen, das Handy abends und an bestimmten Orten auszuschalten, gewisse Dinge nicht zu kaufen, weil wir sie eben nicht brauchen oder sie unter fragwürdigen Umständen hergestellt wurden. Nur so bleiben Zeit und Raum für Besinnung und Besinnlichkeit.

In diesem Sinne: Schöne Feiertage

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