Diekport bei St. PeterOrding

Die kleinen Dinge und das Lächeln

Meine Mama soll ich grüßen. Ich hab das schon gemacht, mit einer altmodischen Ansichtskarte, also analog, sozusagen. Von der Nordsee, mit dem Westerhever Leuchtturm und einigen weiteren schönen Szenerien der Eiderstedter Halbinsel. Der Gruß kommt indirekt von einer Frau, die ich nicht kenne, und die mich wahrscheinlich auch schon wieder vergessen hat. Eine Kleinigkeit unserer Begegnung ist bei ihr aber vielleicht hängen geblieben, unbewusst: Ich habe ihr die Tür aufgehalten.

Entlang der Nordseeküste gibt es entlang der Deiche hunderte Kilometer Radwege. Man kann tagelang in unmittelbarer Nähe zur See dahinradeln, mal vor, mal hinter der Deichkrone. Zur Erhaltung der Deiche bzw. deren Oberfläche tragen in nicht unerheblichem Maße Unmengen von Schafen bei, die einerseits das Gras kurz halten und zum anderen durch ihr gemächliches Dahinschreiten die Grasnarbe festigen. Die Radwege führen nicht nur an diesen Weideflächen vorbei, sondern auch über weite Strecken mitten hindurch. Die Fahrt gerät auf diese Weise an manchen Stellen zum Hindernisparcour, auf dem man mehr oder minder erfolgreich den Hinterlassenschaften der Vierbeiner aus dem Weg zu fahren versucht. Nicht immer gelingt das, sei es aus Gleichgültigkeit, wachsender Gelassenheit („Is‘ mir sch***egal!“) oder fahrtechnischer Mängel.

Die oben beschriebene Bewirtschaftung brachte die „Diekports“ hervor, Hochdeutsch: Deichpforten. Die weitläufigen Weiden sind natürlich durch Zäune begrenzt, die eben auch den Radweg durchschneiden. Diese Türchen sind so konstruiert, dass sie durch die Schwerkraft immer wieder zufallen. So ist der Radfahrer alle paar Kilometer buchstäblich dazu angehalten, kurz anzuhalten. Manch Gewiefter bekommt das Öffnen des Gatters ohne Absteigen hin, die Mehrheit schwingt sich jedoch kurz aus dem Sattel.

Natürlich ist man nicht allein unterwegs, und wegen des teilweise schwierigen Procederes begegnet man besonders an den Diekports anderen Radfahrern.

Oh ja, selbstverständlich gibt es da die Drängler, die es kaum abwarten können, dass man selbst das Tor passiert hat und deren Pedale einem blaue Knöchel bescheren. Und die, die nicht in der Lage sind, trotz aller urlaubsbedingter Gelassenheit zwei Sekunden zu warten und das Türchen für den Nachfolgenden oder Entgegenkommenden offen zu halten.

Wir haben es probiert, mit erstaunlichen Resultaten. Wir haben anderen nach dem Passieren das Gatter aufgehalten. Und was geschieht? Auf einmal lächeln die Menschen, bedanken sich, beginnen gar ein fröhliches Gespräch. Und bei einem von diesen bekam ich dann Folgendes zu hören: „Vielen Dank! Sie sind ja gut erzogen, grüßen Sie mal Ihre Mama!“ Natürlich schwang da ein nicht näher spezifizierbarer Humor mit, und insgeheim wollte ich prompt meinen auf schmähliche Weise diskriminierten Papa in Schutz nehmen, beließ es aber dabei.

Jedenfalls zeigte sich mir, dass selbst so eine banale Geste das Verhalten meiner Mitmenschen entscheidend verändert. Eben grummeln sie noch: „So’n Sch…, schon wieder absteigen!“, und im nächsten Moment zaubert dieser kleine Gefallen Ihnen ein Lächeln auf die Lippen. Und das Wunderbare: Bei der nächsten Gelegenheit halten sie anderen das Türchen auf.

Klar, ist vielleicht arg optimistisch, dass so etwas Kleines die ganze Welt verändert. Es macht aber ein paar Menschen ein wenig glücklicher. Und nicht nur die an den Diekports.

Gruß an meine Mama; und meinen Papa

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