Menschlichkeit

In den vergangenen Wochen habe ich viel Sinniges und Unsinniges zum Thema Flüchtlinge gelesen, Haarsträubendes wie Tröstliches. Während dieser Tage gingen mir viele Dinge durch den Kopf, die ich es wert fand, sie in Worte zu fassen. Dazu brauchte es aber Zeit, die ich nicht fand, und je mehr Meldungen und Meinungen im Netz erschienen, umso schwieriger fand ich es, meinen Gedanken dazu Struktur zu geben. Ich wollte versuchen, das Thema einmal ganz von außen zu beleuchten, neutral und aus der Sicht einer (fiktiven) Person, die völlig unvoreingenommen damit konfrontiert wird.

„Ja, aber …“

Zu den aktuellen Ereignissen möchte ich in diesem Post nichts schreiben. Das wird zur Genüge gebetsmühlenartig auf allen Kanälen mit mehr oder minder starker Vehemenz und höchst unterschiedlicher Substanz getan. Ich zähle hier also nicht noch einmal irgendwelche Beiträge der Debatte auf. Wer wann was aus welchen Gründen wie von sich gegeben hat. Ich bin es leid.

Das Einzige, was ich – auch im Sinne der folgenden Zeilen – einmal loswerden möchte: Haltet einmal für ein paar Minuten inne. Kein „…, aber …“ Einfach die Fresse halten. Jetzt.

3, 2, 1 … alles eins

Wir (= alle Menschen) werden in ein Umfeld, ein System, ein Land mit seiner Kultur und Vergangenheit hineingeboren und von der ersten Sekunde an dadurch geprägt. Wir starten biologisch alle gleich. Wir haben Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde, Mitschüler, später Arbeitskollegen. Die wenigsten dieser Personen können wir uns aussuchen, manchmal geht das, manchmal nicht. Und sie prägen uns, sei es durch Erziehung oder ihr Handeln als Vorbild. Was dann letzten Endes im Erwachsenenalter aus uns wird, mag zu großen Teilen in unserer Kindheit verwurzelt liegen. Die oben genannte Person gibt es deshalb nicht, sie bleibt Fiktion.

Ab einem bestimmten Alter ist es dann an uns selbst, und jetzt meine ich besonders uns und euch in den freien, demokratischen Ländern, ein Bewusstsein für die kleinen und großen Zusammenhänge zu entwickeln, dabei die uralten Grundsätze von Güte und Mitgefühl vornan zu stellen und sich darüber klar zu werden, dass leider nicht jedem Menschen auf der Welt die freie Entscheidung zur Erlangung einer solchen Persönlichkeit gegeben ist. Die Mittel dafür werden uns praktisch umsonst gegeben: nahezu uneingeschränkter Zugang zu allen notwendigen Informationen. Den Willen, diese zu nutzen, muss man selbst mitbringen.

Die Message

Ihr, die ihr nun Scheißhausparolen brüllend durch die Straßen marodiert, euch Patrioten nennt, weil der Anstrom von vermeintlich kriminellen wie betrügerischen Flüchtlingen eure demokratischen Grundrechte, eure Freiheit, eure – wie nennt ihr das? – Kultur und euren Wohlstand in Gefahr bringt: Schaltet für eine Minute euren wie auch immer begründeten und gearteten Hass und eure spießbürgerliche Kleingeistigkeit aus und das übriggebliebene bisschen Hirn an, das euch wie allen anderen gegeben wurde. Vergesst einmal eure braun gefärbten, denselben Bullshit nachstammelnden Stammtischgenossen, eure RTL2-Fremdschäm-Soap-Operas, die Mär vom Untergang des Abendlandes und das Fehlen eines deutschen „Leitbildes“. Und löscht bitte den Brandsatz da, das macht mich nervös.

Wir sind Menschen. Punkt. Hier wie dort. Biologisch mit denselben Voraussetzungen, leider nicht mit denselben Chancen. Begreift das. Und dann kratzt den letzten Rest von dem zusammen, was uns allen aufgrund der eben genannten Gemeinsamkeit gegeben wurde: Menschlichkeit.

Ja, bitte? Wie? Was das bedeutet?

Hm, ok … Ich will wenigstens versuchen, es im aktuellen Kontext und nach meinem Verständnis zu erläutern. Das Hirn sollte solange noch eingeschaltet bleiben.

Versetzt euch für einen Augenblick in die Lage der anderen Seite, eines Menschen, der wegen Gewalt alles zurücklassen und seinen Heimatort und diejenigen verlassen muss, die er liebt. Versucht euch einen Gewaltmarsch im Tross mit ebenso Betroffenen durch unsicheres Kriegsgebiet vorzustellen, an den Händen eure traumatisierten Kinder und/oder eure vergewaltigte Ehefrau. Dann gelangt ihr unter mehr als glücklichen Umständen ans Meer, wo ihr euer gesamtes Angespartes, mit dessen Gegenwert andere Menschen in Europa eine mehrwöchige Luxuskreuzfahrt unternehmen, einem zwielichtigen Gesellen übergebt, der euch dafür in einer halb verfaulten Nussschale von Boot über eine Meerenge schippert. Wenn das gut gegangen ist, gelangt ihr, falls ihr noch zusammen seid, mit Hunderten, wenn nicht Tausenden in ein Flüchtlingscamp, wo ihr euch vielleicht mit Händen und Füßen mit den völlig überforderten Hilfskräften verständigen könnt und euch ein Feldbett teilen müsst. Irgendwann geht es dann weiter, vielleicht in einem Zug oder einem Bus, eventuell aber auch nur zu Fuß. Über welche Wege auch immer schafft ihr es in das Land, von dem alle sagen, dass es dort sicher sei und die Menschen einen Flüchtling mit Wohlwollen empfingen.

Und dann stehen dort diese Menschen, recken Schilder mit für dich unlesbaren, aber doch eindeutigen Texten in die Höhe und schleudern dir unverhohlen ihre Abneigung entgegen.

Oder sie stehen da und drücken dir eine Wasserflasche in die Hand, deiner Tochter ein Kuscheltier und geben dir mit einem Lächeln zu verstehen, dass alles irgendwie gut wird.

Was würdest du dir wünschen?

Refugees welcome

Ein Kommentar

  • Ich bin echt froh, dass es nicht nur sinnlose Überschriften im Netz gibt, sondern an manchen Ausgängen dieses Monstrums Menschen mit Verstand sitzen, die begreifen und erklären, was so viele nicht verstehen wollen.
    Es gibt diesen Plakatträgern, vermute ich mal, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Zugehörigkeit, wenn man gemeinsam solche „Scheißhausparolen“ in die Welt furzt. Und ich muss dann bei solchen Ansätzen einfach auch immer nachfragen, nachbohren, diskutieren, nachvollziehen, aber… es kommen einfach keine schlüssigen Argumente. Deshalb schätze ich, sollten wir versuchen, mit Argumenten gegenzuwirken und den positiven Virus in die Kopfe zu pflanzen. Eine Pegida-Gruppe als Idioten zu bezeichnen reicht nicht. Wir müssen solche verbitterten Angst-Verbreiter einfach jeden einzelnen selbst als Horst (oh wie schön passend) dastehen lassen.

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