Ostereier

Dicke Eier: Neurosen des neuzeitlichen Mannes

Gleich vorweg: Hier wird nicht verallgemeinert, ich will nur zusammentragen, was mir an bedeutsamen Verhaltensweisen bei einigen meiner Y-Chromosom-Genossen in letzter Zeit aufgefallen ist. Und es ist der Versuch, diese zu verstehen. Die Mädels kriegen irgendwann auch noch ihren eigenen Artikel.

Surfen: Nicht für Frauen

SurfbrettKürzlich habe ich einen Bericht über Mädchen und junge Frauen in Bangladesh gesehen, die ihr Talent zum Surfen in einer Surfschule unter Beweis stellen. Dass das in diesem muslimisch geprägten Land überhaupt möglich ist, hat mich einigermaßen erstaunt. Die Ernüchterung kam während der folgenden Minuten: Der eher konservativen Gesellschaft ist dieses Treiben am Strand ein Dorn im Auge. Dass Frauen Sport treiben, „gehört sich nicht“. Besucher einer Moschee sowie der dort lehrende Imam gründeten dieses vehemente Verbot sogar auf den Koran. Ich habe es aufgegeben, nach verlässlichen Quellen für diese Legitimierung zu suchen, es gibt einfach zu viele widersprüchliche Aussagen.

Bis die Frauen ins heiratsfähige Alter kommen, wird ihre sportliche Aktivität geduldet und von wenigen aufgeklärten Männern wie ihren Trainern auch gefördert. Ab dem Zeitpunkt ist es mit ihrer Karriere auf den Brettern jedoch aus: Fortan sind sie praktisch rund um die Uhr für ihre Schwiegereltern da, und ihre Männer geben vor laufender Kamera zu, dass sie ihre Frauen eben auch mal schlagen, wenn sie doch Ambitionen an den Tag legen, ihren Sport weiter oder wieder ausüben zu wollen. Derselbe Mann sitzt in der nächsten Einstellung ohne Beschäftigung in einem Kaffeehaus und bringt selbst nichts auf die Reihe.

Andere Länder, andere Sitten. Auf diesem Planeten herrschen eben unterschiedliche Epochen: Während bei uns so ungefähr die Jetzt-Zeit läuft, hinken Regionen wie Bangladesh trotz Fernsehen und Tourismus in Belangen der Gleichberechtigung und Aufklärung noch Jahrhunderte hinterher. Könnte man auch schulterzuckend so hinnehmen.

Und damit nicht gleich die Hater auf den Plan treten, die mir anti-muslimische Tendenzen unterstellen wollen: Ich hab’s mit keiner Religion, die andere Menschen aus welchen Gründen auch immer in ihrer Lebensweise beeinträchtigt. Dazu zählt auch das Christentum mit seinen Einstellungen zur Abtreibung und zur Home-Ehe, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Der Spielplatz: Boulevard der Hosenscheißer

Es fängt im Kleinen an, prinzipiell direkt vor den Fenstern meines Büros in der Sindelfinger Innenstadt: Gegenüber ist ein Spielplatz, der besonders nachmittags von Kindern verschiedener Altersgruppen frequentiert wird. Vielleicht ist meine Erinnerung an eigene Sandkastenzeiten aufgrund des fortgeschrittenen Alters getrübt, aber der Lärmpegel, der sich im Verlauf des Tages an diesem Förmchen-Hotspot entwickelt, scheint mir ein anderer zu sein als anno Schlaghose. Da plärren sich neunmalkluge Hosenscheißer neben Schimpfworten teilweise überbordende und vollkommen haltlose Behauptungen ihre eigenen Fähigkeiten betreffend zu, man möchte es für die Nachwelt aufzeichnen. „Mein Papa ist stärker, reicher, schlauer …“, tönt es da, „Meine Mama kocht besser, ist schöner, lieber …“, bis hin zur eigenen Lobhudelei: „Ich bin aber größer, kann besser schaukeln (?), hab ’nen cooleren Fußball … und überhaupt: nänänänänäääänäääääh!“ (hier stelle sich der geneigte Leser die lange Nase und/oder die herausgestreckte Zunge vor).

Ein paar Meter weiter: Laufsteg der PS-Protze

Cockpit eines AutosDie Frage danach, wo die Bratzen derlei Gehabe lernen, beantwortet sich praktisch von selbst und findet ihre Bestätigung auch in der Nähe meines Büros, am Wettbachplatz, dem gastronomischen Zentrum dieser Stadt. Dieser wird zerschnitten von der Graben- bzw. Wettbachstraße, welche zumindest auf dem Papier Verkehrsberuhigung genießt. Jedoch wird dieser Abschnitt besonders in den Sommermonaten, wenn die Lokale ihre Gäste draußen bewirten, vorrangig von männlichen Zeitgenossen gern zur stolzen Präsentation des, äh, wie nenn ich’s, Autos genutzt. Die Karren sind teilweise natürlich getunt, und aus den offenen Fenstern dringt Bombeneinschlägen gleich der Bass des ebenfalls bis zum Limit ausgebauten und aufgedrehten Audio-Kraftwerks. Diese Straßen gibt es wahrscheinlich in jeder Stadt.

Mir entzieht sich der Reiz dieser Zurschaustellung des Materiellen im Allgemeinen sowie des affektierten Gebarens im Besonderen. Als Zuschauer geht mir beides auf den Keks, und ich bin nicht der einzige, der sich eine komplette Sperrung dieses Straßenabschnitts für motorisierte Vehikel wünscht.

Erklärungsversuch

Wahrscheinlich brauchen (wir) Männer Plattformen wie diese Straße oder den Spielplatz, nachdem wir schon einige Jahrhunderte den Zeiten von Balzritualen und Imponiergehabe entwachsen sind. Es ist heute einfach nicht cool, einem Geschlechtsgenossen oder einem paarungsbereiten Weibchen die eigene Manneskraft und Überlegenheit per Faustkampf zu veranschaulichen. Dem Drängen nach Machtdemonstration muss also anderweitig Abhilfe geschaffen werden. Unter diesem Aspekt geht das Getöse im Sandkasten ebenso in Ordnung wie das aus dem Auto.

Solange durch diese Verhaltensweisen niemand ernsthaft beeinträchtigt wird oder gar zu Schaden kommt, kann und muss es diese auch fortan geben, bieten sie doch Anlass und Inspiration zu weiteren Gedanken und Werken. Der Artikel hier handelt ja schließlich auch davon.

Es bekäme der Welt und unserem Zusammenleben dennoch gut, nähmen sich manche Männer zu bestimmten Zeiten und Gelegenheiten auch einmal einen Gang zurück. Es wird sicher nicht jedem verständlich zu machen sein, dass man(n) auch einmal sentimental sein darf, Blumenwiesen, Sonnenuntergänge und rosa T-Shirts schön finden kann. Bestimmt gibt es unzählige Frauen, die auf per PS suggerierte Potenz abfahren, am Ende brauchen die meisten doch „nur“ einen, der zuverlässig die Kohle nach Hause bringt, sich bei der Renovierung nicht den Arm absägt und dann im besten Fall ab und an mal zuhört und eine breite Brust zum Kuscheln bietet.

Ich steh dazu, dass ich nicht nur meiner Frau zuliebe „Die Schöne und das Biest“ angesehen habe (Emma Watson ist schon süß), dass in meiner Playlist Pohlmann nach den Pogues kommt und dass ich am Ende von „Die Rückkehr des Königs“ auch beim fünften Anschauen noch Pipi in den Augen habe.

Im Großen und Ganzen

Hier könnte der Artikel nun sein Ende finden, wenn ich nicht noch die fette Moralkeule im Rucksack hätte.

Wie schon gesagt, es wäre alles nicht der Rede wert, kämen wir alle ohne Kratzer davon. Die Jungs unten vor der Tür, ob groß oder klein, sind nur am Rande Teil meines Lebens. Ganz oben an der Spitze tummeln sich aber auch meine Geschlechtsgenossen, und da meine ich aktuell besonders die politische Spitze. Mag sein, dass bei den derzeitigen Geschehnissen vorrangig wirtschaftliche und nationale Sicherheitsinteressen hinter den Konflikten und Drohgebärden stecken. Die Verhaltensweisen einiger Weltpolitiker der Vergangenheit und gerade heute kommen mir jedoch arg bekannt vor. Auch wenn ihm „Die Zeit“ Rationalität in seinen Äußerungen bescheinigt, finde ich Kim Jong Uns infantiles Grinsen nach erfolgreichen Raketentests beängstigend. Und ja, ich halte Donald Trump für einen wankelmütigen, unbeherrschten Selbstdarsteller, der aufgrund seiner Charaktereigenschaften in einem solchen Amt nichts verloren hat. Die Liste dieser Staatenlenker ließe sich noch fortsetzen. Solange diese Ämter nicht mit willensstarken, integren Persönlichkeiten besetzt sind, die diese Position nicht um ihrer eigenen Befriedigung willen erlangt haben, die ihre eigenen Interessen zurückstellen können und negativem Einfluss von Lobbyisten und anderen Beratern standhalten, sieht es mit der Menschheit nicht ganz so rosig aus.

Ich war in den Achtzigern als Jugendlicher, der direkt an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen ist, permanent mit Ängsten um den Frieden konfrontiert. Rückblickend standen sich damals zwei politische Weltanschauungen waffenstarrend gegenüber. Was war es für eine Erleichterung, als dann die Mauer fiel und der Kalte Krieg beendet schien.

Heute keimen diese Ängste wieder auf, und ich finde die Ursachen dafür, die Gründe für die aktuellen Konfrontationen und Drohgebärden, schlimmer als damals, weil sie mir irrationaler und unberechenbarer erscheinen. Weil „da oben“ nun Menschen sitzen, die Politik über Twitter betreiben und ihre eigenen Verwandten hinrichten. Nein, Reagan und Breschnew waren auch keine Heiligen, aber sie hatten sich so weit im Griff, dass sie nicht auf den Knopf gedrückt haben, weil der andere sie persönlich beleidigte.

Nuklearwaffentest in der Südsee

So weit muss es ja nicht kommen. Schöne Ostern!

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