Die Filter-Blase: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt

Ich habe eine Neigung dazu, so ziemlich alles zu hinterfragen, wenn es sich dabei nicht um Axiome handelt oder Dinge und Vorgänge, die ich tatsächlich verstanden und/oder akzeptiert habe: Sonnenaufgänge, die Härte von Beton beim Tritt gegen die Mauer oder die Zerbrechlichkeit von Glas und Liebe. Ich hinterfrage Aussagen vieler Menschen, in meiner direkten Umgebung genauso wie in der digitalen Sphäre, hinsichtlich Beweggründen, Wahrheitsgehalt und Überzeugungskraft. Oft spreche ich meine Skepsis aus, manchmal behalte ich sie für mich. Deshalb lese ich auf Nachrichtenseiten und Sozialen Medien nicht nur die Artikel, sondern auch und besonders die Kommentare dazu. Ist der Artikel vielleicht tendenziös? Mittelmäßig recherchiert, uninspiriert, sachlich gar falsch? Und ganz wichtig: Wie wird er von anderen angenommen und verstanden?

Mit dieser Tendenz gerate ich immer wieder und gefühlt vermehrt an die Grenzen des Verkraftbaren: Es wird in diesen Kommentarspalten derart einseitig argumentiert mit einer arrogant formulierten Klugscheißer-Allein-Weisheit, dass es einem angst und bange wird. Schlimmer wird es, wenn der Kommentierende scheinbar alle Sinne fürs Zuhören, aufmerksames Lesen und besonders Anstand beiseite gelegt hat und es ihm offensichtlich nicht darauf ankommt, eine Diskussion auf Augenhöhe zu führen (und wenigstens ein paar Regeln der Rechtschreibung einzuhalten). Ich klammere hier bewusst Social Bots und die allgegenwärtigen Trolle aus und beschränke mich mit dieser Bewertung auf die unverbesserlichen Schreihälse. Und maße mir erst einmal nicht an, die Gründe für ihr Verhalten analysieren zu können.

Rückzug?

Hin und wieder bringe ich mich in solche Diskussionen ein und habe dabei oft die Erfahrung gemacht, dass die Beteiligten auf der anderen Meinungsseite wenig Akzeptanz für meine Argumentation aufgebracht haben. Nun mag man mir das auch vorwerfen, da ich ebenso nicht willens bin, mich zum Beispiel von rechtsextremem, rassistischem, ausländerfeindlichem oder homophobem Gedankengut überzeugen zu lassen. Doch wenigstens höre ich zu und kontere nicht mit Beleidigungen und einsilbigen, nachgebeteten Parolen.

Auch als unbeteiligter Leser habe ich es noch nie erlebt, dass die „Diskutierenden“ einen Ansatz von Einsicht zeigten. Ist das in Diskussionen nicht so, dass man sich Meinungen anhört, darüber nachdenkt, sachlichen Austausch betreibt und im Idealfall einen Konsens findet, im worst case wenigstens friedlich auseinandergeht und dem anderen seine Meinung lässt? Betrachte ich die derzeitige Stimmung auf den genannten Kanälen, drängt sich mir das plastische Bild einer Spelunke voller Rüpel auf, die sich nur noch lauthals anbrüllen und am Ende noch die Fäuste sprechen lassen. Hier haben diese Plattformen bei vielen für soziale Enthemmung gesorgt, dienen als Ventil für alle Arten von Aggression, Wut und auch Dummheit. Wo früher innerhalb der Wohnung etwas zertrümmert wurde, leidet physisch nur noch die Tastatur und mental die Diskussionskultur.

Abonnements von Facebook-Freunden deaktivieren

So leicht kann man seine Timeline von unliebsamen Beiträgen bereinigen – und sich seine Filter-Blase basteln

Die Schwelle der Erträglichkeit dieser Tendenzen schwankt bei mir in Wochenrhythmen sehr stark und verleitete mich dazu, bei Facebook die Abonnements von einigen Freunden zu deaktivieren. Teilweise lag das an der Fülle an Banalitäten, die meine Timeline fluteten, Katzen- und Hundevideos, Essen, platte Witzfilmchen und dergleichen, bisweilen aber auch an politisch und sozial inakzeptablen Äußerungen.

Mein erster Impuls war, diese „Beziehungen“ kommentarlos zu beenden, sofern mir diese Freunde nicht besonders nahe standen. Dazu habe ich einen interessanten Artikel bei mobile geeks gefunden, der mich dann jedoch in meiner Entscheidung, mich nicht zu „entfreunden“, bekräftigte. Ich habe mich darauf beschränkt, allzu penetrante Katzenvideo-Publizisten zumindest zu „entabonnieren“: Ihre Beiträge landen nicht mehr auf meiner Timeline (Feature-Request an Facebook: Katzenvideo-Filter).

Die Blase

In dem oben genannten Artikel ist die Rede von einer Filter-Bubble, in deren Sog ich mit meinem Verhalten so geraten bin. Damit sind nicht allein die Algorithmen des blauen IT-Riesen gemeint, welche mich automatisch mit meinen „bevorzugten“ Informationen (meistens Werbung) versorgen: Facebook bietet mir mit der Abonnementfunktion für Beiträge von Freunden und im extremen Fall der Möglichkeit des „Entfreundens“ alle Mittel, mir eine komfortable rosa Kuschelzone zu gestalten. Alles, was mir nicht gefällt, fliegt raus, bis ich nur noch von Dingen und Impulsen umgeben bin, die nicht nur mein Wohlbefinden nicht mehr stören, sondern im Extremfall mein Ego zu stärken imstande sind. Wie schön ist es, von Gleichgesinnten umgeben zu sein, die mich in meinen Ansichten und Taten noch unterstützen, während regulierende Faktoren völlig ausgeblendet werden? Ganz klar geht das hier an die Adresse der oben beschriebenen Grumpy-Zwerge, die sich en masse ganz besonders stark fühlen: Sieh doch, andere denken und fühlen genauso wie ich, wie kann ich da falsch liegen? Die Gegenseite hat bei diesen Isolierten gar keine Plattform mehr.

Ebenfalls problembehaftet sehe ich das andere Extrem derer, denen die großen Themen komplett egal sind und die sich ihre Blase genauso hübsch zurechtmachen. Da dominieren folgerichtig wieder die Katzenvideos, eine nicht enden wollende Liste von Partyterminen und natürlich die Fotos davon, inklusive diverser Abstürze. Da haben Welt- und Lokalpolitik nichts verloren.

Facebook ist für alle da

Wie die Kneipe mit den Schreihälsen ist auch das Social Network für alle da. Steckt ja schon im Namen. Und ursprünglich ging es ja auch einmal darum, dass man sich mit seinen Freunden austauscht. Deshalb wäre es falsch und komplett gegen das Grundrecht auf Meinungsfreiheit, den Zugang dazu einzelnen zu verwehren. Das ist hier nicht das Thema, eher, wie wir als Teilnehmer mit diesem bunten und turbulenten Treiben umgehen.

Die Augen verschließen, also nur noch gefilterte Wahrheiten zulassen und so seine eigene Realität schaffen, ist keine Lösung. Man muss sich auch in die unangenehmen Tiefen des Netzes wagen, um sich ein Gesamtbild der Lage machen zu können. Das erfordert Zeit, teilweise viel Kraft und Durchhaltevermögen. Aufgeklärte und freie Menschen mit Zugang zu fast jedem Winkel des Internets haben jedoch die verdammte Pflicht, sich zu informieren, Stimmen und Gegenstimmen anzuhören und sich ein vollständiges Bild der Themenkomplexe zu machen, zu denen sie ihren Senf abgeben. Vielleicht würde das auch den einen oder anderen unqualifizierten Kommentar vermeiden helfen oder besser noch zum Nach- und Umdenken bewegen.

Und wenn zu den eigenen Äußerungen der Gegenwind auffrischt, sollten die Kommentatoren auch den verkraften können und nicht versuchen, diesen aus vollem Halse niederzuschreien: Wer schreit, hat Unrecht.

Neben der Pflicht zur Informationsbeschaffung ist natürlich weiterhin jeder eingeladen, sich konstruktiv an Diskussionen zu beteiligen, und – um dann meine eigene Meinung mal wieder hervorzuheben – mit Vernunft und Verstand ganz besonders gegen den ganzen politischen Müll anzukommentieren.

Deshalb sind nun wieder fast alle auf meiner Timeline. Da nehme ich dann eben die Katzen in Kauf. Weil ich Katzen auch mag.

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