Ampel

Uneinigkeit und Rechts und Eitelkeit: Von Ossis und Wessis

Mit Beiträgen wie diesen macht man sich nicht zwangsläufig beliebt. Aber diese Bestandsaufnahme ist nötig, für mich, meine nächsten Mitmenschen, diejenigen, die es interessiert, und für die Nachwelt, die den Artikel hoffentlich milde lächelnd oder wenigstens kopfschüttelnd lesen wird.

Die Mauer ist weg

27 Jahre ist es her, seit die Mauer fiel. „Der Sozialismus siecht“, wurde Erich Honecker mancherorts augenzwinkernd mehrdeutig in seiner ihm eigenen Art zitiert. Diese Phrase charakterisiert kurz und treffend, dass die hehre Idee des Sozialismus im Sinne der Gleichheit und Solidarität der Menschen und der Abschaffung des Kapitalismus an den Klippen der Realität zerschellen musste. Ursachenforschung wurde da genug betrieben, und ich bin zu wenig den Politik- und Wirtschaftswissenschaften zugetan, als dass ich dazu ein weiteres erhellendes Statement abgeben könnte.

Unmengen von Daten wurden ebenfalls schon zusammengetragen und analysiert zum Zustand der Republik, ihrer Bewohner in Ost und West und deren Unterschieden auch nach einem Vierteljahrhundert. Stereotypen werden bemüht, Klischees gelistet, die auf Umfragen beruhen und durchaus Aussagekraft besitzen. Zusammengefasst zeigen sie, dass die Jahre noch nicht ausreichen, um die Unebenheiten zwischen Ossis und Wessis auszubügeln. Erfreulich mag dabei sein, dass die Vorurteile, die auf beiden Seiten herrschen, bei den jüngeren Menschen dünner gesät sind, demnach eher von denen gepflegt werden, welche die Auswüchse des Sozialismus und der Teilung des Landes noch miterlebt haben.

Für den Moment muss jedoch festgehalten werden, dass Klischees nach wie vor weit verbreitet sind, beispielhaft in einer Hitparade festgehalten hier: Die Top 10 der Ost-West-Klischees. Es steht außer Frage, dass dabei Millionen von Mitbürgern in eine Schublade gesteckt werden, wo sich die meisten von ihnen nicht wohlfühlen dürften.

Erlebte Geschichte

Mein Heimatort Herleshausen liegt in relativer Nähe des geographischen Mittelpunkts der heutigen Bundesrepublik. Vor der Wende sah das anders aus: Der Ort war einer von lediglich vier Grenzübergängen zwischen West- und Ostdeutschland und im Radius von wenigen Kilometern im Halbkreis umgeben von der innerdeutschen Grenze. Mit den Besonderheiten dieser Situation bin ich aufgewachsen, dem kleinen Grenzverkehr, der es uns Wessis gestattete, die historisch bedeutsame Lutherstadt Eisenach mit der Wartburg zu besuchen, dem Blick ans andere Werraufer, wo Volkspolizei und NVA in Orten patrouillierten, die auf ostdeutschen Karten nicht einmal verzeichnet waren. Abgesehen von der A4, die ab Ende der 70er Jahre wieder nördlich des Ortes ihren tosenden Dienst verrichtete, war das Leben am Rand des Landes recht beschaulich (und ist es auch heute noch).

Die unverhoffte Öffnung der Grenze im November ’89 durfte ich live miterleben, die Volksfeststimmung im Ort, die über Tage auftretenden Blech- und Papplawinen aus Wartburgs, Ladas und Trabis. In den Wochen und Monaten darauf bekam der Zaun mehr und mehr Löcher, es wurden buchstäblich Brücken geschlagen zwischen Dörfern, die nur ein Fluss trennt. Mit dem Rad querten wir neueröffnete Übergänge, teilten das Lächeln mit den Grenzbeamten, das ihre unsicher ob der ungewissen Zukunft.

Damals herrschte allerorten Euphorie, abgesehen von ein paar wenigen ungehörten Skeptikern. Ihre Zahl ist gewachsen, das Lächeln mancherorts verblasst, und die Einwände werden gehört. Weil sie auch unüberhörbar geworden sind. Zu den Stereotypen gesellt sich das des sächselnden Wutbürgers, der montags in Horden durch Dresden marodiert und braun befleckte Parolen von sich gibt. Womit man wieder verallgemeinert und denen Unrecht tut, die mit derlei Strömungen nichts am Hut haben.

16,4 Millionen Waisen

Woran liegt’s? Das unsichere Lächeln des Grenzbeamten, dem ich im Frühjahr ’89 lapidar im Vorbeifahren meinen Perso vor die Nase hielt, spricht für mich heute Bände. Während wir uns in der elften Klasse darüber freuten, dass wir nicht den üblichen Stoff examiniert bekamen und statt dessen live erlebte Geschichtsschreibung diskutierten, zerbröselte im Osten ein ganzes System samt Verwaltungsapparat, Sozialgefüge und Bildungseinrichtungen. Meine Frau hat in der Nähe von Leipzig eine unbeschwerte Kindheit verbracht und war 13 Jahre alt, als ihr Lehrer vor der versammelten Klasse ratlos die Schultern zuckte auf die Frage hin, wie es denn nun weiterginge. All der vorgelebte Idealismus war mit den Mächtigen dahin. Die Menschen, die bisher die mütterliche Hand des Staates gefühlt hatten, der ihnen Entscheidungen abnahm, wurden zu orientierungslosen Waisen. Während immer mehr gruselige Details des verblichenen, verkorksten Apparats ans Tageslicht gespült wurden, waren auch die neuen „Stiefeltern“ in Bonn von der Situation völlig überrascht und auch überfordert.

Inzwischen ist vieles ins Lot gekommen, das nicht schlecht geredet werden darf. Es wäre ungerecht zu erwarten, dass man 40 Jahre Misswirtschaft in der Hälfte der Zeit wiedergutmachen kann. Die Errungenschaften des letzten Vierteljahrhunderts sollte man in Relation stellen zu den Zuständen am Ende der 80er Jahre.

Vielen scheint das nicht möglich. Dank der Beziehung zu meiner weltoffenen, toleranten Frau sowie der beschriebenen besonderen Lage meines Heimatortes darf ich als Wessi beide Seiten erfahren. Mein Bruder wohnt noch dort und fährt jeden Tag nach Thüringen zur Arbeit, meine kleine Schwester hat einen Thüringer geheiratet, wohnt in der Nähe von Eisenach und arbeitet im Westen. Wir fahren regelmäßig nach Sachsen auf Familienbesuch und genießen „Roster“ (sächs.: Bratwurst), Freiberger Pils und das schöne Leipzig. Nur kleine Beispiele, wie Wiedervereinigung funktionieren kann.

Trotzdem gibt es noch Ressentiments, zwischen den per Brücke nun wieder verbundenen Orten am ehemaligen Todesstreifen genauso wie tief im Osten und Westen. Und sie sind hartnäckiger, je weiter man sich von der ehemaligen Grenze entfernt (wie wir gerade wieder im Osten anlässlich eines Klassentreffens meiner Frau erfahren haben): Da sind immer noch die Besser-Wessis, die nur über Geld quatschen und sich über Materielles definieren, auf der anderen Seite die nörgelnden Ossis, die über weniger Bildung verfügen, den alten Zeiten nachtrauern und sich gar ihrer Herkunft schämen.

Der Tellerrand

Beides so wahr wie falsch, schwarz und weiß gibt es hier nicht. Ich kenne „hüben wie drüben“ Leute, welche von Kindesbeinen an die Weisheit aus ganz großen Tellern gelöffelt zu haben glauben und denen ihr Eigenheim und ihre Oberklassekarre davor wichtiger sind als ein gescheites Essen (das Wortspiel ist gerade zufällig entstanden), und genauso Zeitgenossen, die ihrem Missmut mehr oder weniger laut Ausdruck verleihen, sei es über den ungekehrten Gehweg vor dem Haus des Nachbarn, das eigene mickrige Gehalt bzw. das völlig überzogene des unfähigen Managers oder die Willkür und Inkompetenz der gewählten Volksvertreter.

Mein Cousin wurde im August 1989 geboren und hat von der DDR und der Grenze rein gar nichts mitbekommen. Für ihn sind Schlagbaum, NVA und Besatzungsmächte Begriffe aus dem Geschichtsbuch. Dem Großteil der Deutschen sind diese Dinge wohl ebenfalls herzlich egal, meiner Erfahrung nach übrigens auch, je weiter man sich von der ehemaligen Grenze fortbewegt.

Den anderen, die ihr Klischeefähnchen in die Luft recken, möchte ich entgegenbrüllen: Bewegt doch bitte euren Arsch einmal für ein paar Wochen auf die jeweils andere Seite und redet miteinander, vor allem mit denen, die am lautesten schreien oder die tiefsten Sorgenfalten zeigen. Vielleicht kommt dann so etwas Grandioses wie Verständnis und Einsicht dabei heraus. Es hat bisher nie weit geführt, in seinem Kämmerlein zu hocken und sich auf den Wahrheitsgehalt des nachbarlichen Geplappers oder das des TV-Geräts zu verlassen. Neid, Unzufriedenheit und am Ende Hass sind die Folge. Das gilt im Kleinen wie im Großen.

Wenn das nicht hilft, hoffe ich auf die Zeit: Irgendwann werden auch die Generationen ausgestorben sein, die das Dilemma noch erlebt haben und auch die, die deren Einstellung nur nachgeahmt haben.


Quellen:

Noch immer große Unterschiede zwischen Ost und West:
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ost-west-unterschiede-nach-wiedervereinigung-deutschlands-13715180.html

Die Drei-Minuten-Regel – Warum es ein neues Ost-West-Klischee gibt:
http://www.zeit.de/2014/45/ostdeutschland-westdeutschland-klischee-unterschied

Umfrage zu 25 Jahren Mauerfall: Die Top 10 der Ost-West-Klischees – Ostdeutsche Mandy und geldgeiler Besserwessi:
http://www.presseportal.de/pm/107460/2838269

2 Kommentare

  • Wieder einmal interessant zu lesen. Auch ich musste mich bei der Familie meiner Freundin aus Thüringen als Wessi bezeichnen lassen und habe festgestellt, dass ich mich weder beleidigt noch betroffen, geschweige denn angesprochen gefühlt habe. Richtig verstanden haben sie das vermutlich nicht. Wenn überhaupt, dann komme ich aus dem Süden. Der Westen ist für mich in einer Welt am Rhein und an der holländischen Grenze, die mir fremder ist, als die Menschen in der Mitte Deutschlands.
    DDR war für mich früher kein Thema. Es war wie Afrika heute (der ignorierte Kontinent). Ich wusste, dass es Ostdeutschland gab und dass Bananen dort selten zu haben waren, aber das wars dann auch. Die Grenzöffnung habe ich emotional vor dem Fernseher verfolgt. Aber erst jetzt habe ich mit der neuen Verwandtschaft wirklich einen Bezug. Auch wenn wir zusammen mühsam mithilfe der alten Blechchips aus dem Sparschwein die alten Eindrücke rekonstruieren müssen – so hat die Ostmark im Nachhinein gesehen eine größere Bedeutung, als viele glaubten.
    Insgesamt gesehen ist es inzwischen nicht mehr viel anders. Die Straßen sind modern, die Autos auch, die Jobs werden mehr, aber auch ich sehe halt nur einen Teil vom alten „Osten“. Ein GRundrauschen bleibt aber trotzdem: Ich habe den Eindruck, dass im Osten (unverständlicherweise) mehr neidisch in den Westen geschaut wird und viel unternommen wird, sich seine alte heile Welt zumindest gedanklich zu wahren. Sei es durch die Sprache, das Auflebenlassen alter Ost-Produkte (Nudossi) oder das Zusammen-gegen-den-Rest-der-Welt. Das Gefühl der verlorenen Identität drängt sich „dem Wessi“ trotz aller versuchten Weltoffenheit irgendwie doch immer wieder mal auf – und oft sind die Klischees ein gutes Mittel, sich im Benachteiligten-Schlamm zu suhlen. Aber auch nur solange bis der Wessi und der Ossi zusammen mal ein Bier trinken. Dann ist die Welt wieder in Ordnung. Und Bier ist unsere gemeinsame Geschichte. Prost.

    • Danke, Markus, für deine eigenen Gedanken zu dem Thema! Es ist für mich gut, zu wissen, dass ich damit nicht der einzige bin, der die Situation so empfindet.
      In diesem Sinne – der gemeinsamen Geschichte und ganz besonders im 500. Jubiläumsjahr des Reinheitsgebots – Prost!

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