Wider die fremdbestimmte Selbstoptimierung

Hören Sie das? Nicht? Hören Sie ganz genau hin. Das ist das Ticken einer Uhr. Wenn Sie es immer noch nicht hören: Müssen Sie aufstehen oder sogar aus dem Zimmer gehen, um eine Uhr zu finden? Sicher nicht, denn Sie lesen gerade diesen Artikel, vielleicht am PC oder auf dem Smartphone, und da ist ganz bestimmt eine Uhr in Reichweite. Und jetzt haben Sie gerade draufgeschaut: Wieviel Zeit habe ich schon mit dem Lesen dieser Zeilen verplempert?

Die Messing-Zwiebel

Als Jugendlicher hatte ich mal eine Armbanduhr, ich glaube mich daran zu erinnern, dass es sich dabei um ein Geschenk handelte. Pflichtgemäß habe ich den Zeitmesser – schwarzes Lederarmband, messingfarbenes Gehäuse mit einem seitlichen Knopf zum Aufziehen (!) und Einstellen – eine ganze Weile getragen. Ich kann nicht behaupten, dass mich das in irgendeiner Weise stolz gemacht hat oder mir abgesehen vom Wissen um die aktuelle Uhrzeit anderweitig von Nutzen war. Meine Mitschüler hatten meist digitale Exemplare mit Stahlarmbändern und allerhand Zusatzfunktionen wie Stoppuhren, Mondphasen, lokale Zeit in Kuala Lumpur usw. Jedenfalls habe ich mein Exemplar irgendwann wieder beiseitegelegt. Mein Tag war mit den übrigen Verpflichtungen und Ritualen schon strukturiert genug. Dazu beigetragen hat mein Wecker. Ich hatte so ein rotes Ding aus Blech, das abgesehen von seinem rustikal scheppernden Läuten am Morgen sehr penetrant getickt hat. Damals hat mir das nichts ausgemacht. Heute sieht das anders aus.

Der Lärm wachsenden Grases

Meine Frau behauptet, ich könne das Gras wachsen hören. Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht, denn den Lärm würde niemand aushalten. Aber es stimmt schon, mein Gehör ist trotz meiner Betätigung als Schlagzeuger ganz gut beieinander, so dass mich das Ticken des Plastikwürfels auf meinem Nachttisch in mancher Nacht, wenn zusätzlich noch das Hirn nicht zur Ruhe kommen mag, final um den Schlaf bringt. Tick-tack. Und bevor jemand vorschlägt, ich solle mir einen digitalen Wecker kaufen: Hatte ich schon. Das Brummen des Netzteils ging gar nicht. Und rote Ziffern auch nicht. Ich will um 3:48 Uhr nicht wissen, wie lang ich noch schlafen könnte.

Rituale

Ich arbeite selbstständig und damit weitgehend selbstbestimmt. Das betrifft sowohl meinen Tagesablauf wie auch die zeitliche Planung von Projekten. Das macht mich sehr glücklich, und ich weiß diesen Umstand durchaus als Luxus sehr zu schätzen. Ein paar Rituale habe auch ich, wie das frühe Aufstehen, eine gescheite Mittagspause und den Tatort am Sonntag (ja, ich schau den im Fernsehen). Hat wohl jeder in irgendeiner Art und Weise, und ich erkenne an, dass das viele auch benötigen. Abgesehen vom Tatort finden diese Dinge bei mir nicht mit dem Blick auf die Uhr statt.

Während meiner ersten Ausbildung zum Landschaftsgärtner lief das komplett konträr: Um sieben Uhr Dienstbeginn, halb zehn Frühstück, zwölf Uhr dreißig Mittag, sechzehn Uhr Schluss. Letzteres vollkommen unabhängig davon, ob der Baum in der Erde war oder nicht, bzw. wurde um halb vier der Spaten erst gar nicht mehr in der Krume versenkt. Okay, ich habe die Ausbildung im Öffentlichen Dienst absolviert, dessen Klischees durch die obige Beschreibung bestätigt scheinen. Heute kann ich mir dieses starre Zeitkorsett gar nicht mehr vorstellen.

Und wie viele Schritte machst du so?

Trotz aller Freiheit in der Tagesgestaltung habe ich in gesteigertem Maß das Gefühl, weniger Zeit zu haben. Besonders der Sport bleibt dadurch auf der Strecke, was der Gesundheit eines Bürogauls wie mir nicht förderlich ist. Aus diesem Grund habe ich mich Anfang 2015 zur Anschaffung eines Fitness-Trackers hinreißen lassen, den es sogar zum Anklemmen an den Gürtel gab. Die teils paranoid anmutenden Einwände von Fachkollegen hinsichtlich Datenschutz schlug ich zugunsten des Benefits in den Wind.

Eine Weile war es sehr interessant festzustellen, wie viele Schritte man tatsächlich am Tag macht und wie viele noch bis zur von Krankenkassen empfohlenen Mindestzahl von 10.000 fehlen. Die Info hätte mir genügt. Aber das kleine Plastikteil konnte selbstredend noch mehr: erklommene Etagen zählen, Kalorienverbrauch, Distanz und – jawohl – sogar die Uhrzeit anzeigen. Es war über mein Smartphone mit einer Onlineplattform vernetzt, und dort ging der Spaß dann richtig los: Verbindung mit anderen Nutzern, mit denen sich Wettbewerbe veranstalten lassen, Protokollierung des eigenen Gewichts mit dem Setzen persönlicher Ziele und vieles mehr (die Datenschützer bekommen gerade Schreianfälle, ich weiß).

Ich hab das Ding nicht mehr. Ein Grund war, dass der eingebaute Akku den Geist aufgegeben hat und keine fünf Schritte weit mehr gehalten hat. Hauptsächlich ging es mir aber nach nicht einmal einem Jahr gegen den Strich, regelmäßig auf das Display zu schauen und zu kontrollieren, ob ich schon genug gelaufen bin. Heute weiß ich in etwa, was 10.000 Schritte bedeuten, und ich bekomme diese meistens zusammen (denke ich). Und wenn es mal 8.912 sind, ist es mir auch egal. Mit dem Wurf des Teils in die Schublade bin ich auch den lästigen Zeitmesser wieder los. Und die „Community“ geht es einen Dreck an, ob ich am Sonntag meine paar Schritte nur zwischen Kühlschrank, Klo und Couch gesammelt habe. Auf dieser werde ich hin und wieder durch die Werbespots des Geräteherstellers an diese Phase erinnert, was mir nur ein Lächeln abnötigt: Darin versucht mich ein hyperaktiver Fitnessguru zu einem Lauf um meine Couch zu motivieren. Netter Versuch, meine Couch steht an der Wand.

Offline?

Eine Bekannte erzählte vor einigen Tagen von einem Wellnessurlaub auf dem indischen Subkontinent, Ayurveda-Behandlungen, Entspannung, Ernährung und so weiter. Und auch davon, dass dort die Leute teilweise durchdrehen, wenn sie ihre Mobilgeräte mal beiseitelegen sollen. Ein paar hatten diese angeblich auf der Massagecouch in der Hand. Super.

Fakt für mich ist: Je mehr ich versuche, meinen Tagesablauf mit derlei Technik zu optimieren, umso weniger gefühlte Zeit habe ich. Dazu zählt auch das Smartphone mit seinen Erinnerungsfunktionen und sonstigen Notifications, die nach Aufmerksamkeit verlangen wie eine hungrige Katze. Das Gerät steht bei mir permanent auf „stumm“ und kann im Nebenraum eifrig vor sich hin blinken. Ich schau drauf, wenn ICH Bock drauf habe. Und wenn jemand anruft, ist der Vibrationsalarm noch laut genug. Oder die Mailbox geht dran.

Probiert das mal, nicht nur im Urlaub.

Die zerhackte Zeit

In bestimmten Lebensbereichen macht Einteilung Sinn, schließlich will man den Zug nicht verpassen. Aber das Universum hat die geschredderte Zeit nicht vorgesehen: Planeten laufen gleichmäßig in annähernden Kreisbahnen oder Ellipsen, das Wachstum von Bäumen findet kontinuierlich statt, selbst die Schwingung von Quarz, von dem der Sekundenzeiger meines vermaledeiten Weckers seinen Takt erhält, verläuft in Kurven, nicht in eckigen Zacken. Das ist unsere Erfindung.

Wir zerhacken unser Dasein in immer kleinere Stückchen und versuchen sie dann wieder sinnvoll zusammenzusetzen, statt es hin und wieder tatsächlich mal in größeren Abschnitten oder sogar als Ganzes wahrzunehmen. Es ist Zeit dafür, im doppelten Sinne, und wann immer es sein soll.

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